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Bhagavad Gita in German Language
Gîtâ Satsang
DIE BHAGAVADGÎTÂ
S. RADHAKRISHNAN
„Ich versenke mich in dich, o Mutter, o Bhagavadgîtâ, heilige, die du vom
erhabenen Nârâyana selbst dem Arjuna verkündet wurdest, von Vyâsa, dem alten
Weisen, inmitten des Mahâbhârata niedergegeschrieben wurdest, aus achtzehn
Kapiteln bestehst, den Nektar nichtzweiheitlichen Wissens träufelst, die
Wiedergeburt vernichtest.“
„Dieses berühmte Gîtâsâstra ist eine Zusammenfassung des Wesentlichen
aller vedischen Lehren. Die Kenntnis ihrer Lehre führt zur Verwirklichung aller
menschlichen Bestrebungen.“
„In der Bhagavadgîtâ finde ich einen Trost, den ich selbst in der
Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung ins Antlitz starrt,
wenn ich, verlassen, keinen Lichtstrahl erblicke, greife ich zur Bhagavadgîtâ.
Dann finde ich hier und dort eine Strophe und beginne alsbald zu lächeln
inmitten aller niederschmetternden Tragödien – und mein Leben ist voll von
äußeren Tragödien gewesen. Wenn sie alle keine sichtbare, keine untilgbare Wunde
auf mir hinterlassen haben, verdanke ich dies den Lehren der Bhagavadgîtâ“
(Mohandas Karamchand Gândhi, Young India, 1925, S. 1078 f.).
INHALTSVERZEICHNIS
- Arjunas Zaudern und
Niedergeschlagenheit
- Sâmkhya-Theorie und
Yoga-Praxis
- Karmayoga oder die
Methode zu Handeln
- Der Weg des Erkennens
- Die rechte Entsagung
- Der wahre Yoga
- Gott und die Welt
- Der Gang der
kosmischen Entwicklung
- Der Herr is mehr als
seine Schöpfung
- Gott ist die Quelle
von Allem: Ihn kennen heißt Alles kennen
- Die Verklärung des
Herrn
- Die Verehrung des
persönlichen Gottes ist besser als Meditation über das Absolute
- Die Unterscheidung
zwischen dem Körper als dem Felde und der Seele als dem Kenner des Feldes
- Der mystische Vater
aller Wesen
- Der Baum des Lebens
- Die Natur des
Gottgleichen und des dämonischen Geistes
- Die drei
Erscheinungsweisen auf religiöse Phänomene angewendet
- Entsagung soll nicht
an den Werken, sondern an den Früchten der Werke geübt werden
EINLEITUNG
INTRODUCTION IN ENGLISH
by Dr. Ramananda Prasad, Ph.D.
&
The
Gita is a doctrine of universal truth. Its message is universal, sublime, and
non-sectarian although it is a part of the scriptural trinity of Sanaatana
Dharma, commonly known as Hinduism. The Gita is very easy to understand in any
language for a mature mind. A repeated reading with faith will reveal all the
sublime ideas contained in it. A few abstruse statements are interspersed here
and there but they have no direct bearing on practical issues or the central
theme of Gita. The Gita deals with the most sacred metaphysical science. It
imparts the knowledge of the Self and answers two universal questions: Who am I,
and how can I lead a happy and peaceful life in this world of dualities. It is a
book of yoga, the moral and spiritual growth, for mankind based on the cardinal
principles of the Hindu religion.
The
message of the Gita came to humanity because of Arjuna’s unwillingness to do
his duty as a warrior because fighting involved destruction and killing.
Non-violence or Ahimsa is one of the most fundamental tenets of Hinduism. All
lives, human or non-human, are sacred. This immortal discourse between the
Supreme Lord, Krishna, and His devotee-friend, Arjuna, occurs not in a temple, a
secluded forest, or on a mountain top but on a battlefield on the eve of a war
and is recorded in the great epic, Mahaabhaarata. In the Gita Lord Krishna
advises Arjuna to get up and fight. This may create a misunderstanding of the
principles of Ahimsa if the background of the war of Mahaabhaarata is not kept
in mind. Therefore, a brief historical description is in order.
In
ancient times there was a king who had two sons, Dhritaraashtra and Paandu. The
former was born blind, therefore, Paandu inherited the kingdom. Paandu had five
sons. They were called the Paandavs. Dhritaraashtra had one hundred sons. They
were called the Kauravs. Duryodhana was the eldest of the Kauravs.
After the death of king Paandu, the eldest son of Paandu became the lawful King.
Duryodhana was a very jealous person. He also wanted the kingdom. The kingdom
was divided into two halves between the Paandavs and the Kauravs.
Duryodhana was not satisfied with his share of the kingdom. He wanted the
entire kingdom for himself. He unsuccessfully planned several foul plots to kill
the Paandavs and take away their kingdom. He unlawfully took possession of the
entire kingdom of the Paandavs and refused to give back even an acre of land
without a war. All mediation by Lord Krishna and others failed. The big war of
Mahaabhaarata was thus inevitable. The Paandavs were unwilling participants.
They had only two choices: Fight for their right as a matter of duty or run away
from war and accept defeat in the name of peace and nonviolence. Arjuna, one of
the five Paandava brothers, faced the dilemma in the battlefield whether to
fight, or run away from war for the sake of peace.
Arjuna’s dilemma is, in reality, the universal dilemma. Every human being faces
dilemmas, big and small, in their everyday life when performing their duties.
Arjuna’s dilemma was a big one. He had to make a choice between fighting the war
and killing his most revered guru who was on the other side, very dear friends,
close relatives, and many innocent warriors; or running away from the
battlefield for the sake of preserving the peace and nonviolence. The entire
seven hundred verses of the Gita is a discourse between Lord Krishna and the
confused Arjuna on the battlefield of Kurukshetra near New Delhi, India, in
about 3,100 years BCE. This discourse was narrated to the blind king,
Dhritaraashtr, by his charioteer, Sanjaya, as an eyewitness war report.
1.
Arjunas Zaudern und Niedergeschlagenheit
Dhrtarâstra sagte: Was taten, o Samjaya, die Meinen und die Pândavas, da
sie kampfbegierig sich auf dem Felde des Rechtes, dem Kuru-Felde,
gegenübertraten? (01.01
DIE ZWEI HEERE
Samjaya sagte: Nachdem Duryodhana, der König, das in Schachtordnung
aufgestellte Heer der Pândavas erblickt hatte, ging er zu seinem Lehrer hin und
sprach: (01.02)
Sieh, o Lehrer, das riesige Heer der Pândusöhne, das der Sohn Drupadas,
dein weiser Schüler, augestelt hat. (01.03)
Da sind Helden, großmächtige Bogenschützen, die dem Bhîma und dem Arjuna
im Kampfe gleichen: Yuyudhâna, Virâta und Drupada, der gewaltige Krieger.
(01.04)
Dhrstaketu, Cekitâna und der tapfere König von Kâsi, ferner Purujit,
Kuntibhoja und Saibya, der erste aller Männer. (01.05)
Der starke Yudhâmanyu und der kühne Uttamaujas, dann der Sohn der Subhadrâ
un die Söhne der Draupadi, alle große Krieger. (01.06)
Höre nun, o bester der Zweimalgeborenen, welche hervorragenden (Männer)
unter uns die Führer meines Heeres sind. Ich will sie dir nennen, damit du
unterrichtet bist. (01.07)
Du selbst, Bhîsma und Karna und Krpa, der Kampfgewinner; Asvatthâman,
Vikarna und der Sohn des Somadatta. (01.08)
Und viele andere Helden, die meinetwillen ihr Leber aufs Spiel gesetzt
haben; sie sind mit den verschiedensten Waffen ausgerüstet und alle
kampferfahren. (01.09)
Unbegrenzt ist diese unsere Heeresmacht, die von Bhîsma geleitet wird,
begrenzt jedoch jene Heeresmacht der anderen, die von Bhîma geleitet wird.
(01.10)
Euren Rängen entsprechend an allen Fronten aufgestellt, sollt ihr daher
den Bhîsma unterstüten. (01.11)
DAS ERTÖNEN DER MUSCHELHÖRNER
Um ihn aufzumuntern, brüllte der alte Kuru, der tapfere Großvater, laut
wie ein Löwe und blies seine Muschel. (01.12)
Dann wurden plötzlich Muscheln, Kesselpauken, Tamburins und Hörner
angeschlagen, und der Lärm war gewaltig. (01.13)
Auf ihrem an weiße Rosse gespannten, großen Wagen stehend, bliesen Kŗşna
und Arjuna ihre himmlischen Muscheln. (01.14)
Kŗşna blies seine Pâncajanya (-Muschel), Arjuna seine Devadatta, und
Bhîma, der schreckliche Taten Vollbringende, seine mächtige Muschel Paundra.
(01.15)
Fürst Yudhisthira, der Sohn der Kunti, blies seine Ananta-vijaya, und
Nakula und Sahadeva bliesen auf ihren beiden (Muscheln) Sughosa und Manipuspaka.
(01.16)
Und der König von Kâsi, das Haupt der Bogenschützen, Sikhandin, der große
Krieger, Dhrstadyumna und Virâta und der unbesiegbare Sâtyaki, (01.17)
Drupada und die Söhne der Draupadi, o Herr der Erde, und der starkarmige
Sohn der Subhadrâ, sie bliesen auf allen Seiten jeder seine Muschel. (01.18)
Das gewaltige, durch Himmel und Erde widerhallende Tosen zerriß die Herzen
der Söhne Dhrtarâstras. (01.19)
ARJUNA ÜBERBLICKT DIE BEIDEN
HEERE
Dann blickte Arjuna, der einen Affenschopf im Banner trug, auf die in
Schlachtordnung aufgestellten Söhne des Dhrtarâstra und richtete seinen Bogen
auf, als der Pfeilhagel einsetzte. (01.20)
Und er sprach, o Herr der Erde, dieses Wort zu Hrsikésa (Kŗşna): O Acyuta
(Kŗşna), fahre meinen Wagen zwischen die beiden Heere, (01.21)
Damit ich jene schaure, die sich kampfeslustig aufgestellt haben, mit
welchen ich in dieser Schlacht zu streiten habe. (01.22)
Ich will sie sehen, die hier kampfbereit zusammengekommen sind und in der
Schlacht vollbringen wollen, was dem übelgesinnten Sohn des Dhrtarâstra lieb
ist. (01.23)
Nachdem er so von Gudâkesa (Arjuna) angesprochen worden war, o Bhârata
(Dhrtarâstra), fuhr Hrsîkésa (Kŗşna) den besten der Wagen zwischen die beiden
Heere. (01.24)
Vor Bhîsma, Drona und allen Fürsten sagte er: Erblicke hier, o Pârtha
(Arjuna), die versammelten Kurus! (01.25)
Da sah Arjuna, daß dort Väter und Großväter, Lehrer, Onkel, Brüder, Söhne,
Enkel und Gefährten standen. (01.26)
Und Schwiegerväter auch, und Freunde, in beiden Heeren. Als der Sohn der
Kunti (Arjuna) alle diese Verwandten dort aufggestellt sah, überkam ihn großes
Mitleid, und traurig sagte er: (01.27)
DIE BETRÜBNIS DES ARJUNA
Wenn ich, o Kŗşna, meine eigenen Leute kampfbereit aufgestellt sehe,
(01.28)
Beben meine Lippen, mein Mund wird trocken, mein Körper zittert, und meine
Haare sträuben sich. (01.29)
(Der Bogen) Gândiva gleitet aus meiner Hand, und meine Haut brennt heftig.
Ich vermag nicht mehr zu stehen. Es schwindelt mir. (01.30)
Und ich sehe böse Vorzeichen, o Kesava (Kŗşna), und ich finde kein Heil
darin, meine eigenen Leute in der Schlacht zu töten. (01.31)
Ich begehre nicht nach Sieg, o Kesava, auch nicht nach Königsherrschaft
und Freuden. Welchen Nutzen haben wir denn vom Königtume, o Govinda, von den
Genüssen, oder von Leben selbst? (01.32)
Jene, um deretwillen Königsherrschaft, Genüsse und Freuden uns
begehrenswert erscheinen, stehen hier im Kampfe gegenüber und haben auf Leben
und Güter verzichtet. (01.33)
Lehrer, Väter, Söhne und Großväter auch, Onkel, Schwiegerväter, Enkel,
Schwager und (andere) Verwandte. (01.34)
Wenngleich sie selbst mich töten würden, o Madhusûdana (Kŗşna), möchte ich
diese nicht töten, und wäre es für die Herrschaft über die drei Welten; wieviel
weniger für die Erde! (01.35)
Welche Freude, o Kŗşna, könnte uns zuteil werden, nachdem wir die Söhne
Dhrtarâstras erschlagen haben? Nur die Sünde würde uns befallen, wenn wir diese
Übelgesinnten töteten. (01.36)
Darum ziemt es uns nicht, die Söhne Dhrtarâstras, unsere eigenen
Verwandten, zu töten; denn wie könnten wir je glücklich werden, o Mâdhava
(Kŗşna), nachdem wir unsere eigenen Leute getötet haben? (01.37)
Wenn auch jene, deren Sinn von Gier gehemmt ist, die Zerstörung der
Familie nicht als Übel ansehen und im Freundesverrat kein Verbrechen finden,
(01.38)
Warum sollen wir nicht erkennen dürfen, o Janârdana (Kŗşna), daß es gilt,
uns von dieser Sünde fernzuhalten, wir, die wir die Zerstörung der Familie als
Übel ansehen? (01.39)
Wird eine Familie zerstört, so gehen auch ihre alten Gesetze zugrunde; und
wenn die Gesetze untergehen, verfällt die ganze Familie der Gesetzlosigkeit.
(01.40)
Und wenn Gesetzlosigkeit überhandnimmt, befält die Frauen der Familie
Verderbnis, und wenn die Frauen verderbt sind, o Vârsneya (Kŗşna), ensteht
Vermischung der Ka sten. (01.41)
Vermischung führt die Zerstörer der Familie und die Familie selbst zur
Hölle. Denn nun brechen, der Reis- und Wasseropfer beraubt, die Geister der
Vorfahren zusammen. (01.42)
Durch die Verbrechen der Familienzerstörer und die von ihnen bewirkte
Vermischung der Kasten werden die unsterblichen Gesetze der Kaste und der
Familie vernichtet. (01.43)
Und, so haben wir sagen gehört, den Menschen, deren Familiengesetze
vernichtet sind, ist der Aufenthalt in der Hölle gewiß, o Janârdana (Kŗşna).
(01.44)
Ach weh! Wir sind entschlossen, eine große Sünde zu begehen; denn aus Gier
nach den Freuden der Königherrschaft stehen wir bereit, unsere eigenen Leute zu
töten. (01.45)
Es wäre besser für mich, wenn die Söhne des Dhrtarâstra, mit Waffen in
ihren Händen, mich, den Unbewaffneten, Wehrlosen, in der Schlacht erschlügen.
(01.46)
Nachdem Arjuna auf dem Schlachtfelde so gesprochen hatte, sank er auf den
Sitz seines Wagens nieder und warf Bogen und Pfeile weg, im Geiste von Betrübnis
überwältigt. (01.47)
In der Upanişad der Bhagavadgîtâ, der Wissenschaft vom Absoluten,
der Schrift über den Yoga und dem Zwiegespräch zwischen Śri Kŗşna und Arjuna ist
dies das erste Kapitel, genannt: Die Niedergeschlagenheit des Arjuna.
2.
Sâmkhya-theorie und Yoga-praxis
KŖŞNA TADELT UND ERMAHNT ZUR
TAPFERKEIT
Als er so von Mitleid erfüllt und niedergeschlagen war, die Augen traurig
und voll Tränen, sprach Madhusûdana (Kŗşna) diese Worte zu ihm: (02.01)
Der Ehrwürdige sprach: Woher kommt dir in dieser schweren Stunde diese
Befleckung (Bestürzung)? Sie ist edlen Geistern unbekannt (von Ariern nicht
geschätzt), führt nicht in den Himmel und bereitet Schande, o Arjuna! (02.02)
Ergib dich nicht der Unmännlichkeit, o Pârtha (Arjuna), denn sie geziemt
dir nicht. Lege diese niedrige Herzensschwachheit ab und erhebe dich, o
Feindbedränger (Arjuna)! (02.03)
ARJUNAS ZWEIFEL BLEIBEN UNGELÖST
Arjuna sagte: Wie soll ich denn in dieser Schlacht, o Madhusûdana (Kŗşna),
mit Pfeilen den Bhîsma und den Drona bekämpfen, die (ich) beide sehr verehre, o
Feindetöter (Kŗşna)? (02.04)
Es dünkt mir besser, diese ehrwürdigen Lehrer nicht zu töten und betteln
zu gehen auf Erden, als diese Lehrer, die zwar nach Gewinn begehren, zu
erschlagen und blutbeschmierte Freuden zu genießen. (02.05)
Wir wissen nicht, was besser für uns wäre: daß wir siegen, oder daß jene
uns besiegen. Die Söhne Dhrtarâstras, nach deren Tötung wir nicht mehr leben
möchten, stehen uns gegenüber. (02.06)
Mein ganzes Wesen ist mit der Schwäche meines Mitleids geschlagen. In
meinem Geiste um die Pflicht verwirrt, frage ich dich: Sage mir sicher, was das
Bessere ist. Ich bin dein Schüler. Lehre mich, der ich mich darum an dich wende.
(02.07)
Ich sehe nicht, was diesen Kummer, der meine Sinne austrocknet, vertreiben
könnte, selbst wenn ich ein blühendes, mir unbestrittenes Königreich auf Erden
erlangen würde oder gar die höchste Herrschaft über die Götter. (02.08)
Samjaya sagte: Nachdem er so zu Hrsîkésa (Kŗşna) gesprochen hatte, sagte
der mächtige Gudâkesa (Arjuna) zu Govinda (Kŗşna): „Ich will nicht kämpfen“, und
schwieg stille. (02.09)
Gleichsam lächelnd, o Bhârata (Dhrtarâstra), sprach nun Hrsîkésa (Kŗşna)
zu ihm, dem Verzagenden, inmitten der beiden Heere: (02.10)
UNTERSCHEIDUNG VON SELBST UND
KÖRPER:
WIR SOLLEN NICHT BEKLAGEN, WAS
UNVERGÄNGLICH IST
Der Erhabene sagte: Du klagst um solche, die nicht zu
beklagen sind, und willst doch Worte der Wahrheit sprechen. Weise beklagen Tote
und Lebende nicht. (02.11)
Nie gab es eine Zeit, da ich nicht war und du und diese Fürsten, noch wird
je eine Zeit kommen, da wir nicht mehr sein werden. (02.12)
Wie die Seele bereits in diesem Körper Kindheit, Jugend und
Alter hat, so geschiedt es auch, daß sie einen anderen körper ergreift. Der
Weise wird daran nicht irre. (Siehe 15.08) (02.13)
Die Berührungen mit ihren Objekten, o Sohn der Kunti (Arjuna), bewirken
Kälte und Hitze, Freude und Schmerz. Sie kommen und gehen und sind nicht von
Bestand. Lerne sie ertragen, o Bhârata (Arjuna). (02.14)
Welchen menschen diese nicht quälen, o erster der Männer (Arjuna), wer
derselbe bleibt in Schmerz und Freude, wer weise ist, dieser rüstet sich zur
Ewigkeit. (02.15)
Das Nichtseiende kann nicht sein, das Seiende kann nicht aufhören zu sein.
Die Wahrheitsseher haben den Schluß aus diesen beiden entdeckt. (02.16)
Wisse, daß unzerstörbar ist, von dem das alles durchdrungen wird. Niemand
kann Zerstörung dieses Unwandelbaren bewirken. (02.17)
Ein Ende haben die Körper, unzerstörbar und unfaßbar aber ist das Ewige,
welches in diese Körper eingegangen ist. Darum kämpfe, o Bhârata (Arjuna)!
(02.18)
Wer denkt, er tötet, wer glaubt, er werde getötet, sind beide im
Irrtum. Nicht tötet dieser eine, noch wird er getötet. (02.19)
Nicht wird er geboren, noch stirbt er jemals. Ins Sein gelangt, wird er
nicht wieder aufhören zu sein. Er ist ungeboren, ewig, dauerhaft und uralt. Er
wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird. (02.20)
Wer ihn als unzerstörbar und ewig, ungeboren und unvergänglich kennt, wie
könnte ein solcher Mensch, o Pârtha (Arjuna), irgendeinen töten, irgendeinen
töten lassen? (02.21)
Wie ein Mann abgetragene Kleider ablegt und andere, neue
anzieht, so legt auch die Seele die abgetragenen Körper ab und geht in andere,
neue, ein. (02.22)
Nicht spalten ihn die Schwerter, nich brennt ihn das Feuer, nicht benetzen
ihn die Wasser, nicht trocknet ihn der Wind. (02.23)
Er kann nicht gespalten, nicht verbrannt, nicht benetzt und nicht
ausgetrocknet werden. Er ist ewig, allgegenwärtig, unwandelbar, unbeweglich,
immerwährend. (02.24)
Er wird unoffenbar, undenkbar, unveränderlich genannt. Darum sollst du
nicht klagen, nachdem du ihn als solchen erkannt hast. (02.25)
WIR SOLLEN DAS VERGÄNGLICHE
NICHT BETRAUERN
Selbst wenn du meinst, daß das Selbst immer wieder geboren werde und immer
wieder sterbe, selbst dann, o Großarmiger (Arjuna), sollst du nicht klagen.
(02.26)
Denn dem Geborenen ist der Tod gewiß, dem Toten ist die Geburt gewiß.
Darum sollst du über eine unvermeidliche Sache nicht trauern. (02.27)
Nicht offenbar sind die Wesen an ihrem Beginne, offenbar in der
Mitte, o Bhârata (Arjuna), und nicht offenbar wiederrum an ihrem Ende. Was gibt
es da zu klagen? (02.28)
Der eine betrachtet ihn wie ein Wunder, der andere spricht von ihm wie von
einem Wunder, ein anderer wieder hört von ihm wie von einem Wunder, und doch
kennt ihn keiner, auch wenn er von ihm gehört hat. (Siehe KaU 2.07) (02.29)
Der im Körper von uns allen weilt, o Bhârata (Arjuna), ist ewig,
unzerstörbar. Darum sollst du kein Wesen beklagen. (02.30)
APPELL AN DAS PFICHTGEFÜHL
Und auch wenn du deine Pflicht berücksichtigst, sollst du nicht schwanken.
Denn Größeres gibt es für einen Krieger nicht als den pflichtgemäßen Kampf.
(02.31)
Glücklich sind die Ksatriyas, o Pârtha (Arjuna), denen sich ein solcher
Krieg wie eine weit geöffnete Himmelstüre darbietet. (02.32)
Wenn du diese pflichtgemäße Schlacht nicht aufnimmst, gerätst du in
Schuld, indem du dein Gesetz und deinen Ruhm verrätst. (02.33)
Außerdem wird man ohne Unterlaß deine Schmach verkünden, und für einen
Mann, der einst geehrt wurde, ist Schmach schlimmer als Sterben. (02.34)
Die großen Krieger werden glauben, daß du dich aus Furcht dem Kampfe
entzogen hast, und sie werden dich, den sie einst hochgeschätzt haben, für
gering achten. (02.35)
Deine Feinde werden viel Ungebührliches reden und deine Fähigkeit tadeln.
Könnte es Traurigeres geben als das? (02.36)
Entweder wirst du getötet werden und in den Himmel eingehen oder du wirst
siegen und die Erde genießen. Darum erhebe dich, o Sohn der Kunti (Arjuna), zum
Kampf entschlossen! (02.37)
Rüste dich zum Kampfe, nachdem dir Freude und Leid, Gewinn und
Verlust, Sieg und Niederlage gleichgültig geworden sind. So wirst du nicht in
Schuld geraten. (02.38)
Was ich dir eben gegeben habe, o Pârtha (Arjuna), ist die Weisheit des
Sâmkhya. Vernimm nun die Weisheit des Yoga! Wenn dein Verstand diese aufnimmt,
wirst du die Bindung durch die Werke ablegen. (02.39)
Auf diesem Pfade ist keine Mühe verloren, und es gibt kein Hindernis.
Schon ein wenig von dieser Gerechtigkeit (dharma) errettet vor großer Gefahr.
(02.40)
Hier gibt es, o Freude der Kurus (Arjuna), nur das entschlossene
Verstehen; es ist eines. Die Gedanken der Unentschlossenen aber sind
vielverzweigt und endlos. (02.41)
KEINE WEISHEIT FÜR DEN
IRDISCH-GESINNTEN
Die Einsichtslosen, die sich an den Vedaschriften ergötzen, die behaupten,
daß es anderes nicht gebe, die auf den Himmel bedacht sind und deren Wesen die
Begierde ist, verkünden jene blumigen Worte, welche als Lohn der Taten die
Wiedergeburt verheißen und viele besondere Riten zur Erlangung von Genüssen und
der Herrschaft (festlegen). (02.42-43)
Nicht wohl begründet im Selbst (oder: in der Versenkung) ist der zwischen
Gut und Böse unterscheidende Verstand jener, die an den Genüssen und der Macht
hängen und deren Geist von diesen (Veda-) Worten hingerissen wird. (02.44)
Hauptasche des Veda sind die Erscheinungsformen; du aber, o Arjuna,
befreie dich von dieser dreifachen Natur. Sei frei von den Gegensätzen, stehe
fest in der Reinheit, sorge dich nicht um Erwerb und Erhaltung, besitze das
Selbst! (02.45)
Soviel Nutzen ein Teich hat, an einer Stelle, wo von allen Seiten her die
Wasser zusammengeströmt sind, soviel Nutzen haben auch die Veden für den
Brahmanen, welcher erkennt. (02.46)
HANDLE OHNE RÜCKSICHT AUF DEN
ERFOLG
Deine Aufgabe liegt allein im Handeln, nicht in dessen Früchten.
Lasse nicht die Früchte deines Tuns deinen Beweggrund sein; ergib dich nicht der
Untätigkeit! (02.47)
Gib die Anhänglichkeit auf, o Schätzegewinner (Arjuna), und
volbringe, im Yoga gefestigt, deine Werke. Sei gleichmütig gegen Erfolg und
Mißerfolg. Gleichmut wird Yoga genannt. (02.48)
Das Werksteht tief unter der Zügelung des Verstandes (buddhi-yoga),
o Schätzegewinner (Arjuna). Suche im Verstande deine Zuflucht. Erbarmenswert
sind jene, die nach Früchten trachten. (02.49)
Wer seinen Verstand (an das Göttliche) geschirrt hat (oder: in
seinen Verstande wohl gegründet ist), läßt beides fahren: Gut und Böse.
Befleißige dich darum des Yoga. Yoga ist Geschick im Handeln. (02.50)
Die Weisen, welche ihren Verstand (mit dem Göttlichen) verbunden haben,
indem sie auf die Früchte ihrer Werke verzichtet und von den Banden der Geburt
sich befreit haben, erreichen den leidlosen Ort. (02.51)
Da dein Verstand die Trübnis der Verblendung überquert, wird dir
gleichgültig werden, was gehört worden ist und was noch zu hören sein soll.
(02.52)
Wenn dein Verstand, von den vedischen Texten verwirrt, unerschütterlich
und fest im Geiste (samâdhi) gründen wird, wirst du Einsicht (yoga)
erlangen. (02.53)
DIE MERKMALE DES VOLLKOMMENEN
WEISEN
Arjuna sagte: Welches ist die Beschreibung eines Menschen, der diese
festgegründete Weisheit hat, dessen Wesen im Geiste feststeht, o Keśava (Kŗşna)?
Wie wird er, dessen Verstand gefestigt ist, sprechen, wie wird er sitzen, wie
wird er gehen? (02.54)
Der Erhabene sagte: Wenn jemand alle Wünsche seines Herzens ablegt, o
Pârtha (Arjuna), und wenn sein Geist in sich selbst Genüge findet, wird er ein
in seinem Verstande Feststehender genannt. (02.55)
Wer in Leiden nicht erschüttert wird und in Freuden frei von
Begierden ist, von welchem Leidenschaft, Furcht und Zorn gewichen sind, der wird
ein in seinen Verstande feststehender Weiser genannt. (02.56)
Wer nirgendwo Zuneigung hat, wer, wenn er Gutes oder Schlechtes empfängt,
weder Freude noch Haß empfindet, dessen Verstand ist fest gegründet (in der
Weisheit). (02.57)
Wer, wie eine Schildkröte ihre Glieder, seine Sinnesorgane allerseits von
den Sinnesobjekten zurüchzieht, dessen Verstand ist fest gegründet (in der
Weisheit). (02.58)
Die Sinnesobjekte wenden sich von der verkörperten Seele ab, die aufhört,
sich an ihnen zu nähren; doch bleibt der Geschmack für sie. Aber selbst der
Geschmack wendet sich ab, wenn das Höchste erschaut wird. (02.59)
Mag ein Mensch auch noch so (nach Vollendung) streben, mag er
auch noch so einsichtig sein, o Sohn der Kunti (Arjuna), die ungestümen Sinne
reißen seinen Geist gewaltsam fort. (02.60)
Sie alle (die Sinne) gebändigt habend, soll er im Yoga dasitzen,
auf mich gerichtet. Denn, wer die Sinne in seiner Gewalt hat, dessen Verstand
ist fest gegründet. (02.61)
Wenn ein Mensch an die Sinneobjekte denkt, entsteht Verhaftung
an sie. Aus der Verhaftung entspringt Begierde, und aus der Begierde entspringt
Zorn. (02.62)
Aus dem Zorn entsteht Verwirrung, aus der Verwirrung Verlust der
Erinnerung, aus dem Verlust der Erinnerung Zerstörung des Verstandes. An der
Zerstörung des Verstandes. An der Zerstörung des Verstandes geht er zugrunde.
(02.63)
Wer aber seine Sinne im Zaum hält, wer mit gezügelten Sinnen, die frei von
Anhänglichkeit und Abneigung sind, unter den Sinnesobjekten umhergeht, dieser
Mensch erlangt die lauterkeit des Geistes. (02.64)
Und in dieser Lauterkeit des Geistes wird ihm das Ende allen Kummers
bereitet. Der Verstand eines solchen Mannes von lauterem Geiste ist bald
gefestigt (in dem Frieden des Selbst). (02.65)
Wer ohne Zucht ist, hat keinen Verstand, und wer ohne Zucht ist, hat auch
kein Versenkungsvermögen. Wer ohne Versenkungsvermögen ist, findet keinen
Frieden. Und wie könnte es für einen, der keinen Frieden hat, Freude geben?
(02.66)
Wenn der Geist den schwärmenden Sinnen nachläuft, zieht er den
Verstand mit sich fort, wie der Wind ein Schiff auf dem Wasser mit sich
fortzieht. (02.67)
Wer darum, o Starkarmiger (Arjuna), seine Sinnesorgane allerseits von
ihren Sinnesobjekten zurückhält, dessen Verstand ist fest gegründet. (02.68)
Was für alle Wesen Nacht ist, ist Wachezeit für die gezügelte Seele. Und
was für alle Wesen Wachezeit ist, ist Nacht für des Seher, der sieht (oder: den
Seher der Schau). (02.69)
In den alle Begierden einmünden wie die Wasser in den Ozean,
der, obwohl immer angefüllt, doch stets bewegungslos verharrt, dieser erlangt
den Frieden; nicht aber, wer seinen Begierden fröhnt. (02.70)
Wer alle Begierden aufgibt, ohne Verlangen handelt, ohne Selbstsucht und
Egoismus ist, dieser erlangt den Frieden. (02.71)
Dies ist, o Pârtha (Arjuna), der göttliche Zustand. Wer ihn erreicht hat,
wird nicht (mehr) verwirrt. Wer am Ende (in der Todesstunde) in ihm feststeht,
geht in die Seligkeit Gottes (brahmanirvâna) ein. (02.72)
Dies ist das zweite Kapitel, genannt: Der Yoga der Erkenntnis.
3. Karmayoga oder die Methode zu Handeln
WARUM DANN ÜBERHAUPT HANDELN?
Arjuna sagte: enn du meinst, o Janârdana, daß (der Pfad der) Erkenntnis
besser ist als (der Pfad der) Handlung, warum drängst du mich dann zu dieser
grausamen Tat, o Keśava (Kŗşna)? (03.01)
Mit verwirrter Rede scheinst du meinen Verstand irrezuführen. Teile mir
doch ohne Umschweife das eine mit, wodurch ich Heil erlangen kann. (03.02)
LEBEN IST HANDELN;
GLEICHGÜLTIGKEIT GEGEN DIE FOLGEN
DES HANDELNS IST ERFORDERLICH
Der Erhabene sagte: Der zweifache Weg, den es in dieser Welt
gibt, o Tadelloser, ist schon vorhin von mir gelehrt worden: der Weg der
Erkenntnis fûr die betrachtenden Menschen und der Weg der Werke für die tätigen
Menschen. (03.03)
Nicht durch das Unterlassen der Werke erlangt der Mensch Befreiung von den
Werken; nicht durch bloßes Entsagen erlangt er Vollkommenheit. (03.04)
Denn kein Lebewesen kann auch nur einen Augenblick verharren, ohne zu
handeln. Jeder wird durch die naturentstandenen Impulse, ohne daß er sich
dagegen wehren kann, zum Handeln veranlaßt. (03.05)
Wer die Tatsinne bezähmt, aber in seinem Herzen der Sinnesobjekte gedenkt,
wessen Natur betört ist, ein solcher wird ein Heuchler genannt. (03.06)
Höher steht hingegen, o Arjuna, wer die Sinne mit dem Geiste
zähmt und die Tatsinne ohne Anhänglichkeit auf dem Wege des Handelns einsetzt.
(03.07)
WICHTIGKEIT DES OPFERS
Vollziehe dein dir zustehendes Werk, denn Handeln ist besser als
Nichthandeln. Auch die Aufrechterhaltung des physischen Lebens gelingt nicht
ohne Handeln. (03.08)
Abgesehen von dem Werk, das als und für ein Opfer getan wird,
ist die Welt an die Werke gebunden. Darum befreie dich, o Sohn der Kunti
(Arjuna), von aller Anhänglichkeit und vollziehe dein Werk als Opfer. (03.09)
In alter Zeit schuf der Herr der Geschöpfe zusammen mit dem Opfer die
Menschen und sprach: Durch dieses werdet ihr euch fortpflanzen, und dieses wird
es sein, was euch den Milchtrank eurer Wünsche spenden wird. (03.10)
Fördert damit die Götter, und die Götter mögen euch fördern. So werdet
ihr, einander fördernd, das höchste Gut erlangen. (03.11)
Vom Opfer gefördert, werden euch die Götter jene Genüsse schenken, die ihr
begehrt. Wer diese Gaben genießt, ohne ihnen zurückzugeben, ist fürwahr ein
Dieb. (03.12)
Die Guten, welche die Überreste des Opfers verzehren, werden von allen
Sünden erlöst; aber jene Bösen, die für sich allein Nahrung bereiten, sie essen
die Sünde. (03.13)
Aus der Nahrung entstehen die Geschöpfe; aus dem Regen entspringt die
Nahrung; aus dem Opfer wird der Regen geboren, und das Opfer entsteht aus dem
Werke. (03.14)
Wisse, daß der Ursprung des karman (der Art des Opfers) im Brahman
(dem Veda) liegt, und das Brahman entspringt im Unvergänglichen. Darum hat das
allumfassende Brahman stets im Opfer seinen Mittelpunkt. (03.15)
Wer in dieser Welt das so in Bewegung gesetztz Rad nicht
weiterdrehen hilft, ist von böser Natur, sinnlich in seinen Freuden und lebt
umsonst, o Pârtha (Arjuna). (03.16)
HABE AM SELBST GENUG
Aber für den Menschen, der sich allein am Selbst erfreut, am Selbst genug
hat, im Selbst Befriedigung findet, gibt es kein Werk mehr, das er tun müßte.
(03.17)
So verfolgt er auch nicht die Absicht, durch Handlungen, die er vollbracht
hat, und durch handlungen, die er nicht vollbacht hat, irgend etwas in dieser
Welt zu gewinnen. Er hängt mit keinem Zweck von allen diesen Dingen ab. (03.18)
Vollbringe darum immer, ohne Anhänglichkeit, die auszuführende
Tat, denn durch Handeln ohne Anhänglichkeit gelangt der Mensch zum Höchsten.
(03.19)
GIB ANDEREN EIN BEISPIEL
Gerade durch Werke haben Janaka und andere die Vollendung
erreicht. Du sollst auch zum Zwecke der Welterhaltung handeln. (03.20)
Was immer ein großer Mann vollbringt, das vollbringen andere ebensogut.
Welchen Maßstab er auch immer setzen mag, die Welt richtet sich darnach. (03.21)
Für mich, o Pârtha (Arjuna), gibt es kein Werk in den drei Welten, das
noch zu tun wäre, oder irgend etwas, das erlangt werden müßte und noch nicht
erlangt worden ist. Und trotzdem betätige ich mich im Werke. (03.22)
Denn wenn ich mich je im Werke nicht unermüdlich betätigen würde, o Pârtha
(Arjuna), die Menschen würden doch allerwärts meinem Wege folgen. (03.23)
Wenn ich aufhören würde zu handeln, würden diese Welten in Trümmer fallen,
und ich wäre der Urheber der Unordnung und würde diese Menschen zugrunde
richten. (03.24)
Wie die Unwissenden in Anhänglichkeit an das Werk handeln, so sollen auch
die Wissenden handeln, o Bhârata (Arjuna), aber nicht in Anhänglichkeit, sondern
in dem Verlangen, die Weltordnung aufrecht zu erhalten. (03.25)
Er (jnânin) möge die Gemüter der Unwissenden, die am
Werke hangen, nicht verwirren. Der Erleuchtete, der alle Handlungen im Geiste
des Yoga vollbringt, möge die anderen (ebenso) zum Werke anleiten. (Siehe 03.29)
(03.26)
DAS SELBST IST NICHT DER TÄTER
Alle Arten von Werken werden durch die Erscheinungsformen der
Natur vollzogen; der Mensch, dessen Seele vom Selbstgefühl verwirrt ist, denkt
aber: „Ic bin der Täter“. (Siehe 05.09, 13.29, und 14.19) (03.27)
Wer aber, o Starkarmiger (Arjuna), das wahre Wesen der Unterschiedlichkeit
(der Seele) von den Erscheinungsformen der natur und ihren Werken kennt,
wissend, daß es die Erscheinungsformen sind, die an den Erscheinungsformen
wirken, dieser verhaftet sich nicht. (03.28)
Die von den Erscheinungsformen der Natur verwirrt sind, hangen an den von
ihnen vollbrachten Werken. Aber niemand, der das Ganze erkannt hat, möge die
Unwissenden irre machen, die nur einen Teil erkannt haben. (Siehe 03.26) (03.29)
Übertrage, in vollem Bewußtsein auf das Selbst gestützt, alle
diese Werke auf mich, sei frei von Begierde und Selbstsucht und kämpfe , von
deinem Fieberwahn erlöst! (03.30)
Auch jene Menschen, welche gläubig und ohne Murren alle Zeit dieser meiner
Lehre folgen, werden von (der Bindung durch die) Werke erlöst. (03.31)
Wisse, daß hingegen jene, die meine Lehre gering schätzen und sie nicht
befolgen, blind für alle Weisheit, verloren und besinnungslos sind. (03.32)
NATUR UND PFICHT
Selbst der wissende Mensch handelt in Übereinstimmung mit seiner eigenen
Natur. Die Lebewesen folgen ihrer Natur. Was vermag hier Unterdrückung
auszurichten? (03.33)
Für jedes Sinnesorgan sind Neigung und Abneigung in bezug auf
die Objekte des (betreffenden) Sinnesorgans festgesetzt. Niemand möge unter ihre
Gewalt kommen, denn sie sind zwei gefährliche Wegelagerer. (03.34)
Es ist besser, das eigene Gesetz unvollkommen zu erfüllen, als das Gesetz
eines anderen vollkommen zu erfüllen. Es ist besser, in (der Erfüllung) des
eigenen Gesetzes zu sterben;denn gefährlich ist es, dem Gesetz eines anderen zu
folgen. ( Siehe 18.47) (03.35)
DER FEIND HEISST BEGIERDE UND
ZORN
Arjuna sagte: Wodurch, o Vârsneya (Kŗşna), wird nun aber, wie durch eine
Kraft, der Mensch angetrieben, selbst gegen seinen Willen Sünden zu begehen?
(03.36)
Der Erhabene sagte: Es ist das Begehren, es ist der Zorn, die,
alles verschlingend und höchst sündhaft, aus der Erscheinungsform der
Leidenschaft entspringen. Wisse, daß er der Feind hier ist! (03.37)
Wie das Feuer vom Rauche verhült wird, ein Spiegel von
Staub, ein Embryo vom Mutterleib umschlossen wird, so ist dies von jenem
(nämlich der Leidenschaft) verhüllt. (03.38)
Von diesem unersättlichen Feuer der Begierde, diesem dauernden
Feind der Weisen, wird, o Sohn der Kunti (Arjuna), das Wissen verhüllt. (03.39)
Die Sinnesorgane, das Denkorgan und die Vernunft werden sein
Sitz genannt. Indem er mittels derselben das Wissen verhüllt, täuscht er die in
den Körper eingegangene Seele. (03.40)
Bezähme darum, o bester der Bharatas (Arjuna), von Anfang an deine Sinne
und vernichte diesen bösen Zerstörer von Wissen und Unterscheidungsvermögen.
(03.41)
Groß sind, so heißt es, die Sinnesorgane: größer als die Sinnesorgane ist
das Denkorgan; größer als das Denkorgan ist die Vernunft; aber noch größer als
die Vernunft ist er. 03.42)
Erkenne ihn so, der jenseits der Vernunft ist, befestige dein
(niederes) Selbst durch das Selbst und schlage so, o Starkarmiger (Arjuna), den
schwer besiegbaren Feind in Gestalt der Begierde. (03.43)
Dies ist das dritte Kapitel, genannt: Der Yoga der Werke.
4.
Der Weg
des Erkennens
DIE TRADITION DES JNÂNA-YOGA
Der Erhabene sagte: Ich habe diesen unvergänglichen Yoga dem Vivasvat
verkündet; Vivasvat teilte ihn dem Manu mit und Manu dem Ikşvâku. (04.01)
So von einem zum andern weitergegeben, kannten ihn auch die königlichen
Weisen, bis der Yoga im Laufe der langen Zeit, o Feindbedränger (Arjuna), der
Welt verloren ging. (04.02)
Diesen selben uralten Yoga habe ich dir heute kundgetan. Denn du bist mein
Verehrer und mein Freund. Und dies ist das höchste Geheimnis. (04.03)
Arjuna sagte: Später war deine Geburt und früher war die Geburt des
Vivasvat. Wie kann ich da verstehen, daß du ihm diese (Lehre) zu Anfang
verkündet hast? (04.04)
DIE LEHRE VON DEN AVATARAS
Der Erhabene sagte: Zahlreich sind meine vergangenen, Leben, und deine
auch, o Arjuna. Ich kenne sie alle, du aber kennst sie nicht, o Geißel der
Feinde (Arjuna). (04.05)
Obgleich (ich) ungeboren (bin), und mein Selbst unvergänglich (ist),
obgleich (ich) der Herr aller Geschöpfe (bin), so gelange ich doch durch meine
Macht (mâyâ) zu (empirischem) Sein, indem ich mich in meiner eigenen Natur
festlege. (04.06)
Jedesmal, wenn die Rechtmäßigkeit im Schwinden ist und
Unrechtmäßigkeit sich erhebt, lasse ich mein Selbst hervorströmen
(fleischwerden). (04.07)
Um die Guten zu beschützen, die Bösen zu vernichten und die
Rechtmäßigkeit zu festigen, entstehe ich von Weltalter zu Weltalter. (04.08)
Wer so in Wahrheit meine göttliche Geburt und meine göttlichen Werke
kennt, wird nicht wiedergeboren, wenn er seinen Leib verläßt, sondern kommt zu
mir, o Arjuna. (04.09)
Befreit von Leidenschaft, Angst und Zorn, in mich versunken, ihre Zuflucht
zu mir nehmend, haben viele, von der Askese des Wissens geläutert, meinen
Wesenszustand erreicht. (04.10)
Wie sie zu mir kommen, so nehme ich sie auf; überall folgen Menschen
meinen Pfade, o Pârtha (Arjuna). (04.11)
Die das Gelingen ihrer Werke auf Erden wünschen, opfern den Göttern (den
verschiedenen Formen der einen Gottheit), denn das Gelingen der Werke vollzieht
sich in dieser Menschenwelt rasch. (04.12)
GOTTES WERKE SIND BEGIERDELOS
Ich habe die vierfache Ordnung in Übereinstimmung mit den
Bereichen von Eigenschaft und Werk feschaffen. Wisse, daß ich, obgleich
ihr Schöpfer, der Handlung und Veränderung unfähig bin. (Siehe 18.41) (04.13)
HANDELN OHNE ANHÄNGLICHKEIT RUFT
KEINE BINDUNG HERVOR
Werke beflecken mich nicht, auch habe ich kein Verlangen nach ihrer
Frucht. Wer mich als solchen kennt, wird von den Werken nicht gebunden. (04.14)
Solches wissend, haben auch die Altvordern, die nach Erlösung suchten, das
Werk geübt. Deshalb übe auch du das Werk, wie es die Altvordern in vergangenen
Zeiten geübt haben. (04.15)
HANDELN UND NICHTHANDELN
Was ist Handeln? Was ist Nichthandeln? Selbst Weise sind darüber verwirrt.
Ich werde dir erklären, was Handeln ist, das dich, hast du es erkannt, vom Übel
erlösen wird. (04.16)
Man muß verstehen, was Handeln ist; man muß verstehen, was falsches
Handeln ist; und man muß verstehen, was Nicht-Handeln ist; schwer zu verstehen
ist der Weg des Werkes. (04.17)
Wer im Handeln Nicht-Handeln erblickt und Handeln im
Nicht-Handeln, der ist ein Weiser unter den Menschen, ein Yogin, ein all sein
Werk Vollbringender. (Siehe 3.05, 3.27, 5.08 und 13.29) (04.18)
Wessen Unternehmen frei von verlangenden Wünschen sind, wessen Werke im
Feuer der Weisheit verbrennen, ihn nennen die Weisen einen Kundigen. (04.19)
Wer alles Anhängen an die Frucht der Werke aufgegeben hat, immer
zufrieden ist, ohne irgendwelche Abhängigkeit, tut nichts, obwohl er sich
ständig betätigt. (04.20)
Wer keine Wünsche hat, Herz und Selbst bezähmt, allen Besitz verläßt, nur
mit dem Körper handelt, begeht keinen Fehl. (04.21)
Wer sich dem begnügt, was immer der Zufall bringt, wer über die Gegensätze
(von Freude und Schmerz) erhaben ist, keinen Neid hat und in Erfolg und
Mißerfolg derselbe bleibt, dieser wird nicht gebunden, auch wenn er handelt.
(04.22)
OFPER UND SYMBOLISCHER WERT DES
OPFERS
Das Werk jenes Menschen, der sich von seinen Verhaftungen getrennt hat,
der erlöst ist, dessen Geist in der Weisheit feststeht, der sein Werk als Opfer
vollbringt, löst sich vollkommen auf. (04.23)
Seine Opferhandlung ist Gott, seine Opfergabe ist Gott. Durch
Gotte wird sie in das Feuer Gottes geopfert. Gott ist es, was jener erlangen
wird, der in seinen Werken auf Gott bedacht ist. (Siehe 9.16) (04.24)
Einige Yogins opfern den Göttern, andere bringen im Feuer des Höchsten
durch das Opfer selbst das Opfer dar. (04.25)
Einige opfern das Gehör und die anderen Sinnesorgane in das Feuer der
Selbstüberwindung, andere opfern den Laut und die anderen Sinnesobjekte in die
Sinnesfeuer. (04.26)
Einige wieder opfern alle Handlungen ihrer Sinne und die Werke ihrer
Lebenskraft in das vom Wissen entzündete Feuer des Yoga der Selbstzucht. (
(04.27)
In gleicher Weise opfern einige ihren materiellen Besitz oder ihre Askese
oder ihre geistigen Übungen, während andere, die sich bezähmt und strenge
Gelübde abgelegt haben, ihr Studium und ihre Kenntnisse opfern. (04.28)
Andere wieder, die auf Atem-Regelung bedacht sind und die Wege des
prâna (Aushauch) und apâna (Einhauch) in Schranken halten, gießen des
prâna als Opfergabe in den apâna und den apâna in den
prâna. (04.29)
Während andere, die ihre Nahrung einschränken, ihre Lebenshauche als
Opfergabe in die Lebenshauche gießen. Sie alle sind Kenner des Opfers (wissen,
was Opfer ist) und vernichten durch das Opfer ihre Sünden. (04.30)
Diejenigen, welche die vom Opfer übrig bleibende heilige Speise
essen, gehen ein in das ewige Absolute. Diese Welt, o bester der Kurus (Arjuna),
ist nicht für einen geschaffen, der kein Opfer vollzieht; wieviel weniger
irgendeine andere Welt! (Siehe 4.38, und 5.06) (04.31)
So sind viele Arten von Opfern im Antlitz Brahmans ausgebreitet (d.h.
hervorgebracht als Mittel, das Absolute zu erreichen). Wisse, daß sie alle aus
dem Werke entspringen. Dieses wissend, wirst du erlöst werden. (Siehe 3.14)
(04.32)
WISSEN UND WERK
Das Opfer der Erkenntnis ist größer als jedes materielle Opfer,
o Geißel der Feinde (Arjuna). Denn alle Werke gipfeln ohne Ausnahme in der
Weisheit. (04.33)
Lerne es durch demütige Verehrung, durch Befragen und Dienen.
Die Männer der Weisheit, die die Wahrheit geschaut haben, werden dich im Wissen
unterrichten. (04.34)
PREIS DER WEISHEIT
Wenn du es erkannt hast, wirst du, o Pândava, nicht wieder in diese
Verwirrung fallen. Den damit wirst du alle Wesen ohne Ausnahme im Selbst und
dann in mir erblicken. (Siehe 6.29, 6.30, 11.07, 11.13) (04.35)
Und solltest du der sündigste aller Sünder sein, so wirst du doch allein
mit dem Schiffe der Weisheit alles Übel überqueren. (04.36)
Wie das angezündete Feuer seinen Brennstoff zu Asche macht, so
macht, o Arjuna, das Feuer der Weisheit alle Werke zu Asche. (04.37)
Es gibt nichts auf Erden, das an Reinheit mit der Weisheit
vergleichbar wäre. Von selbst findet dies mit der Zeit in seinem Selbst, wer
sich durch Yoga vervollkommt. (Siehe 4.31, und 5.06, 18.78). (04.38)
ZUR WEISHEIT IST GLAUBE
NOTWENDUNG
Wer Glauben hat, wer in sie (d.h.die Weisheit) vertieft ist und seine
Sinne im Zaume hält, gewinnt Weisheit. Und hat er Weisheit gewonnen, so gelangt
er rasch in den höchsten Frieden. (04.39)
Aber der Unwissende, der keinen Glauben hat, der zu Zweifeln neigt, geht
zugrunde. Für die zweifelnde Seele gibt es weder diese Welt, noch die jenseitige
Welt, noch irgendeine Glückseligkeit. (04.40)
Die Werke binden jenen nicht, der durch den Yoga allen Werken entsagt, der
durch die Weisheit jeden Zweifel vernichtet hat und, o Schätzegewinner (Arjuna),
für immer im Besitze seines Selbst ist. (04.41)
Zerschneide darum mit dem Schwert der Weisheit diesen aus Unwissenheit
geborenen Zweifel in deinem Herzen, mache dich an den Yoga und erhebe dich, o
Bhârata (Arjuna)! (04.42)
Das ist das vierte Kapitel, genannt: Der Yoga der göttlichen Erkenntnis.
5.
Die
Rechte Entsagung
SAMKHYA UND YOGA FÜHREN ZUM
SELBEN ZIEL
Arjuna sagte: Du rühmst, o Kŗşna, den Verzicht auf die Werke und wiederum
das selbstlose Ausführen derselben. Sage mir mit Bestimmtheit, welches von
diesen beiden das bessere ist. (Siehe also 5.05) (05.01)
Der Erhabene sagte: Der Verzicht auf die Werke und das uneigennützige
Verrichten derselben, beide führen zur Erlösung der Seele. Aber von diesen
beiden ist das uneigennützige Verrichten der Werke besser als der Verzicht auf
sie. (05.02)
Wer weder Abneigung noch Begierden hat, ist als einer zu erkennen, der
beständig den Geist der Entsagung besitzt; er, der ohne Gegensätze ist, o
Stark-Armiger (Arjuna), wird mühelos von der Bindung erlöst. (05.03)
Die Unwissenden sprechen von der Entsagung (Sâmkhya) und der
Werkbetätigung (Yoga) als von zwei verschiedenen Dingen, nicht aber der Weise.
Wer eines davon gut betreibt, erlangt die Frucht beider. (05.04)
Der Stand, den die Entsagenden erlangen, wird auch von den
Handelnden erreicht. Wer sieht, daß der Weg der Entsagung und der des Handelns
eins sind, dieser sieht (in Wahrheit). (Siehe 6.01 und 6.02) (05.05)
Ohne Yoga, o Starkarmiger (Arjuna), ist die Entsagung aber
schwer zu erlangen; der Weise, der sich des Yoga (des Weges der Werke)
befleißigt, erlangt das Absolute bald. (Siehe also 4.31, und 4.38) (05.06)
Wer sich am Weg der Werke geübt hat, eine lautere Seele besitzt, Herr
seines Selbst ist und seine Sinne bezähmt hat, dessen Seele zum Selbst aller
Wesen wird, dieser wird von den Werken nicht befleckt, obgleich er wirkt.
(05.07)
Der mit dem Göttlichen vereinte und die Wahrheit wissende Mensch denkt:
„Ich tue gar nichts“, denn wenn er sieht, hört, fühlt, riecht, schmeckt, geht,
schläft, atmet; wenn er spricht, ausscheidet, ergreift, die Augen öffnet und
schließt, weiß er wohl, daß nur die Sinne mit den Sinnesobjekten beschäftigt
sind. (Siehe 3.27, 13.29, und 14.19) (05.08-09)
Wer, nachdem er alle Anhänlichkeit aufgegeben hat, so handelt,
daß er alle seine Handlungen Gott weiht, wird von keiner Sünde berührt, wie ein
Lotusblatt vom Wasser (unberührt bleibt). (05.10)
Die Yogins (Tatmenschen) verrichten die Werke nur mit dem Körper, dem
Geiste, dem Verstand oder nur mit den Sinnesorganen, indem sie zur Läuterung
ihrer Seele alle Anhänlichkeit aufgeben. (05.11)
Die ernste (oder fromme) Seele erlangt den wohlgegründeten
Frieden, indem sie die Anhänglichkeit an die Früchte der Werke aufgibt; aber
derjenige, dessen Seele mit dem Göttlichen nicht vereint ist, wird von Begierde
getrieben, hängt an der frucht (des handelns) und wird darum gebunden. (05.12)
DAS ERLEUCHTETE SELBST
Die in den Körper eingegangene (Seele), die ihre Natur bezähmt, indem sie
durch den Geist (innerlich) allen Werken entsagt, wohnt behaglich in der Stadt
der neun Tore, weder handelnd noch handeln lassend. (05.13)
Das höchste Selbst schafft den Menschen keine Tätigkeit, noch ist es
selbst tätig, noch verknüpft es die Werke mit ihren Früchten. Es ist die eigene
Natur, die diesse hervorbringt. (05.14)
Der alldurchdringende Geist nimmt sich weder der Sünde noch der Verdienste
irgendeines Menschen an. Die Weisheit wird von Unwissenheit verhüllt; dadurch
werden die Geschöpfe verwirrt. (05.15)
Jenen aber, in denen die Unwissenheit durch Weisheit vernichtet wird,
erhellt die Weisheit wie eine Sonne das höchste Selbst. (05.16)
Die dieses denken, diesem ihr ganzes, bewußtes Sein zuleiten,
dieses zu ihrem einzigen Ziel machen, zum alleinigen Objekt ihrer Hingabe,
erreichen einen Zustand, von dem es keine Wiederkehr gibt. Weisheit wäscht ihre
Sünden weg. (05.17)
Mit gleichem Auge blicken die Weisen auf einen gelehrten und
demütigen Brahmanen, auf eine Kuh, einen Elefanten, ja sogar auf einen Hund und
einen Kastenlosen. (Siehe 6.29) (05.18)
Selbst hier (auf Erden) wird die geschaffene (Welt) von jenen besiegt,
deren Sinn im Gleichmut feststeht. Gott ist ohne Fehler und derselbe in allem.
Darum stehen diese (Menschen) in Gott fest. (Siehe 18.55) (05.19)
Man soll sich nicht freuen, wenn man Liebes erlangt, man soll nicht
trauern, wenn man Unliebes erlangt. Wer festen Verstandes ist und unbeirrt,
solch ein Kenner Gottes steht fest in Gott. (05.20)
Wenn die Seele nicht mehr an äußeren Berührungen (Objekten)
haftet, findet man jenes Glück, das im Selbst ist. Solch einer, der sich im auf
Gott (Brahma) gerichteten Yoga beherrscht, genießt unvergängliche Wonne. (05.21)
Welche Freuden auch immer aus den Berührungen (mit den Objekten)
entspringen, sie alle sind eine Quelle des Leidens, sie haben einen Anfang und
ein Ende, o Sohn der Kunti (Arjuna). Kein Weiser erfreut sich ihrer.
(Siehe18.38) (05.22)
Wer, bevor er seinen Körper aufgibt, dem Ansturm von Begierde und Zorn
widerstehen kann, ist ein Yogin, ist ein glücklicher Mann. (05.23)
FRIEDE VON INNEN HER
Der das Glück in sich findet, seine Freude in sich findet und ebenso sein
Licht nur in sich findet, dieser Yogin wird göttlich und gelangt zur Seligkeit
Gottes (brahmanirvâna). (05.24)
Die heiligen Männer, deren Sünden getilgt, deren Zweifel (Gegensätze)
vernichtet, deren Sinne bezähmt sind und die sich daran erfreuen, allen Menschen
Gutes (zu tun), gelangen zur Seligkeit Gottes. (05.25)
Diesen beherrschten Seelen (yati), die von Begierde und Zorn
befreit sind, ihre Sinne im Zaume halten und Kenntnis des Selbst besitzen, liegt
die Seligkeit Gottes ganz nahe. (05.26)
Der Weise, der alle äußeren Objekte ausschließt, den Blick zwischen die
Augenbrauen richtet, die durch die Nasenlöcher ziehenden Ein- und Aushauche
gleichmacht, der Sinne, Geist und Verstand bezähmt hat, auf Erlösung bedacht ist
und Begierde, Furcht und Zorn abgelegt hat, ist für immer befreit. (05.27-28)
Der Weise, der mich als den Genießer der Opfer und Kasteiungen, den großen
Herrn aller Welten, den Freund aller Wesen erkannt hat, geht in den Frieden ein.
(05.29)
Dies ist das fünfte Kapitel, genannt: Yoga der Werkentsagung.
6.
Der Wahre
Yoga
ENTSAGEN UND HANDELN SIND EINS
Der Erhabene sagte: Wer das ihm obliegende Werk verrichtet, ohne nach
dessen Lohn zi suchen, ist ein Samnyasin, ist ein Yogin; night aber, wer das
heilige Feuer nicht anzünder und keine Riten vollzieht. (06.01)
Wisse, o Pândava (Arjuna), daß das, was man samnyâsa nennt,
Aktivität ist, die gebändigt wird; denn keiner wird ein Yogin, der nicht seinen
(selbstsüchtigen) Zielen entsagt hat.(Siehe BG 5.01, 5.05, 6.01, und 18.02)
(06.02)
Das Werk wird als das Mittel des Weisen bezeichnet, der den Yoga
zu erreichen wünscht. Hat er den Yoga erreicht, so wird Ruhe als das Mittel
bezeichnet. (06.03)
Wenn einer nicht mehr an den Sinnesobjekten oder den Werken
hängt und allen Vorsätzen entsagt hat, dann wird er einer genannt, der den Yoga
erlangt hat. (06.04)
Durch sich selbst erhebe der Mensch sich selbst. Nicht
erniedrige er sich selbst; denn das Selbst ist der Freund des Selbst, und das
Selbst allein ist der Feind des Selbst. (06.05)
Wer sein (niederes) Selbst durch das (höhere) Selbst besiegt
hat, hat in seinem Selbst einen Freund. Wer aber nicht im Besitz seines
(höheren) Selbst ist, dessen Selbst wird wie ein Feind in Feindschaft handeln.
(06.06)
Wer sein (niederes) Selbst besiegt hat und zur Ruhe der Selbstbeherrschung
gelangt ist, dessen Selbst verharrt gesammelt; er hat Frieden in Kälte und
Hitze, in Freude und Schmerz, in Ehre und Schmach. (06.07)
Der Asket (Yogin), dessen Seele an Weisheit und Wissen Genüge findet, der
unwandelbar und Herr seiner Sinne ist, dem ein Erdklumpen, ein Stein und ein
Stück Goldes dasselbe bedeuten, wird bezähmt (im Yoga) genannt. (06.08)
Es zeichnet sich aus, wer gleichgesinnt ist gegenüber Freunden,
Gefährten und Feinden, gegenüber neutralen und unparteiischen Menschen,
gegenüber Widersachern und Verwandten, Heiligen und Sündern. (06.09)
WESENTLICH IST DAUERNDE
WACHSAMKEIT ÜBER
KÖRPER UND GEIST
Der Yogin muß versuchen, seinen Geist beständig (auf das höchste Selbst)
zu richten, in der Einsamkeit verharrend, allein, selbstgebändigt, frei von
Begierden und (dem Verlangen nach) Besitztümern. (06.10)
Er errichte sich an einem reinem Platze einen festen Sitz, weder zu hoch
noch zu niedrig, übereinander mit heiligem Grase, einem Fell und einem Tuche
bedekt. (06.11)
Er lasse sich auf diesem Sitze nieder, richte seinen Geist auf einen
Punkt, bezähme des Denken und die Sinne, und übe so, zur Läuterung der Seele,
den Yoga. (06.12)
Körper, Haupt und Hals aufrecht und unbeweglich haltend, den Blick
beständig auf die Nasenspitze richtend, ohne herumzuschauen (ohne seine Blicke
schweifen zu lassen), heiter und furchtlos, fest im Gelübde der Enthaltsamkeit,
dem Geist bezähmend, möge er dasitzen, seinen Geist auf mich gerichtet,
ausgeglichen, auf mich allein bedacht. (Siehe BP 4.29, 5.27, 8.10, und 8.12)
(06.13-14)
Der Yogin, der seinen Sinn bezähmt, sich immer auf solche Weise in
Einklang hält, geht in den Frienden, in das in mir befindliche höchste
nirvāna ein. (06.15)
Der Yoga, wahrlich, ist nicht für einen bestimmt, der zuviel ißt, oder
sich des Essens zu sehr enthält. Er ist, o Arjuna, auch nicht für jenen da, der
zuviel schläft oder zuviel wacht. (06.16)
Wer in Ernährung und Vergnügungen mäßig ist, in seinen Handlungen
Zurückhaltung übt und Schaf und Wachen regelt, dem wird der alle Leiden tilgende
Yoga zuteil. (06.17)
DER VOLLKOMMENE YOGIN
Wenn der von allen Begierden erlöste, gebändigte Geist einzig im Selbst
fest gegründet ist, wird er (durch Yoga) ausgeglichen genannt. (06.18)
Eine Lampe an einem windstillen Orte flackert nicht. Mit ihr wird der
Yogin verglichen, der sein Denken bezähmt hält und die Vereinigung mit dem
höchsten Selbst (oder Selbstzucht) übt. (06.19)
Dieses, worin das Denken ruht, das durch Versenkungsübung zurückgedrängt
its, worin er das Selbst mit dem Selbst schaut und sich am Selbst erfreut;
(06.20)
Worin er dieses höchste Entzücken findet, das durch den Verstand
wahrnehmbare, jenseits aller Sinnesbereiche liegende, worin gegründet er nicht
mehr von der Wahrheit abweicht; (06.21)
Dieses, welches er für einen nicht mehr zu übertreffenden Gewinn hält,
sobald er es gewonnen hat, worin gegründet er selbst vom schwersten Leide nicht
erschüttert wird; (06.22)
Dieses möge man unter dem Namen Yoga erkennen, die Loslösung aus der
Verbundenheit mit dem Leiden. Mit Entschlossenheit und unverdrossenem Gemüte übe
man diesen Yoga. (06.23)
Indem er ausnahmslos alle aus dem (selbstsüchtigen) Wollen entspringenden
Begierden aufgibt, die Schar der Sinne mit dem Geiste auf allen Seiten
zurückhält; (06.24)
Möge er mittels des in Standhaftigheit gezügelten Verstandes allmählich
zur Ruhe kommen und, nachdem er den Geist auf das Selbst gerichtet hat, an
nichts anderes (mehr) denken. (06.25)
Was immer den schwankenden, unbeständigen Geist herumschweifen
läßt, möge er zurückdrängen und der alleinigen Lenkung des Selbst unterwerfen.
(06.26)
Denn dem Yogin, dessen Geist friedvoll ist, dessen Leidenschaften gestillt
sind, der fleckenlos und mit Gott eins geworden ist, wird höchste Wonne zuteil.
(06.27)
Idem er auf diese Weise das Selbst in Einklang bringt, erfährt der Yogin,
der die Sünde abgelegt hat, mühelos die unendliche Wonne der Berührung mit dem
Ewigen. (06.28)
Er, dessen Selbst durch Yoga in Einklang gebracht ist, sieht das
Selbst in allen Wesen wohnen und alle Wesen im Selbst; überall sieht er
dasselbe. (Siehe 4.35, 5.18) (06.29)
Wer mich überall sieht und alles in mir sieht, dem gehe ich
nicht verloren, noch geht er mir verloren. (06.30)
Der Yogin, der in der Einheit feststeht und mich als in allen Wesen
wohnend verehrt, lebt in mir, auf welche Weise er auch immer tätig sein mag.
(06.31)
Wer, o Arjuna, mit Gleichmut alles im Bilde seines eigenen
Selbst sieht, sei es in Freuden, sei es in Leiden, dieser wird als ein
vollkommener Yogin betrachtet. (06.32)
SINNEBEZÄHMUNG IST SCHWIERIG,
ABER MÖGLICH
Arjuna sagte: Für diesen Yoga, o Madhusūdana (Kŗşna), von dem du erklärt
hast, daß er in Gleichheit (Gleichmut) bestehe, sehe ich ob der Wankelmütigkeit
keinen festen Grund. (06.33)
Denn sehr wankelmütig ist der Geist, o Kŗşna, stürmisch, stark und
hartnäckig. Mir scheint, daß er ebenso schwer zu bändigen ist wie der Wind.
(06.34)
Der Erhabene sagte: O Starkarmiger (Arjuna), ohne Zweifel ist
der Geist schwer zu zügeln und ruhelos; doch kann er, o Sohn der Kunti (Arjuna),
durch beständige Übung und Nicht-Anhänglichkeit bezähmt werden. (06.35)
Wer nicht selbstgezügelt ist, von dem ist der Yoga schwer erlangbar, das
meine ich auch. Er kann aber von demjenigen erlangt werden, der selbstgezügelt
ist und sich mit rechtenMitteln müht. (06.36)
Arjuna sagte: Wer, obschon gläubig, sich nicht bezähmen kann und, indem
sein Geist vom Yoga abschweift, die Vollendung im Yoga nicht erreicht, welchen
Weg geht ein solcher, o Kŗşna? (06.37)
Geht er nicht, o Starkarmiger (Kŗşna), wie eine zerfetzte Wolke zugrunde,
aus beiden herabgesunken, ohne Halt, verwirrt über den Pfad, der zum Ewigen
führt? (06.38)
Du, o Kŗşna, mußt mir diesen Zweifel vollkommen zerstreuen; denn es gibt
keinen anderen als dich, der diesen Zweifel vernichten kann. (Siehe 15.15)
(06.39)
Der Erhabene sprach: O Pârtha (Arjuna), ein solcher Mensch erleidet keinen
Untergang, weder in diesem Leben noch hernach; denn nie, mein Freund, betritt
einer, der Gutes tut, den Pfad des Elends. (06.40)
Ein Mann, der vom Yoga abgefallen ist, wird, nachdem er in die Welt der
Rechtschaffenen gelangt ist und hier sehr viele Jahre geweilt hat, im Hause
reiner und glücklicher Menschen wiedergeboren werden. (06.41)
Oder er mag in einer Familie weisheitsvoller Yogins wiedergeboren werden.
Denn eine solche Geburt ist hier auf Erden noch schwerer zu erlangen. (06.42)
Hier gewinnt er die (geistigen) Eindrücke (der Vereinigung mit dem
Göttlichen) wieder, die er in seinem früheren Leben entwickelt hatte. Und damit
(als seinem Ausgangspunkt) strebt er, o Freude der Kurus (Arjuna), aufs neue
nach Vollendung. (06.43)
Durch seine frühere Übung wird er unwiderstehlich
weitergetragen. Auch der nach dem Yoga-Wissen Suchende geht über die vedische
Vorschrift hinaus. (06.44)
Der Yogin aber, der, von allen Sünden gereinigt, in vielen Lebensläufen
sich vollendend, mit Eifer strebt, erreicht sodann das höchste Ziel. (06.45)
Der Yogin ist größer als die Asketen; er wird für größer gehalten als die
Erkennenden, größer als diejenigen, die rituelle Handlungen vollziehen; werde
darum ein Yogin, o Arjuna! (06.46)
Und von allen Yogins halte ich den, der mich gläubig verehrt,
mit seinem inneren Selbst in mir wohnt, für den (mir im Yoga) am meisten
verbundenen. (Siehe 12.02 und 18.66) (06.47)
Dies ist der sechste Abschnitt, genannt: der wahre Yoga.
7. Gott und die Welt
GOTT IST NATUR UND GEIST
Der Erhabene sagte: höre nun, o Pârtha (Arjuna), wie du mich ganz und ohne
Zweifel erkennen wirst, indem du Yoga übst, deinen Geist an mich hängst, lich
zur Zuflucht nimmst. (07.01)
Ich will dir diese Weisheit vollständig mitteilen zusammen mit dem Wissen,
nach dessen Erkenntnis hier nichts mehr zu erkennen übrig bleibt. (07.02)
Unter tausend Menschen strebt kaum einer nach Vollendung, und von denen,
die darnach streben und Erfolg haben, kennt mich kaum einer wirklich. (07.03)
DIE ZWEI NATUREN GOTTES
Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Geist, Verstand und Selbst-Sinn: dies
ist meine achtfach geteilte Natur. (Siehe 13.05) (07.04)
Dies ist meine niedere Natur. Kenne, o Starkarmiger (Arjuna),
auch meine andere und höhere Natur, die Seele, durch welche diese Welt getragen
wird. (07.05)
Wisse, daß alle Wesen darin geboren werden. Ich bin der Ursprung
dieser ganzen Welt und bin ihre Auflösung. (Siehe 13.26) (07.06)
Nichts gibt es jemals, o Schätzegewinner (Arjuna), das höher
wäre als ich. Wie Edelsteinreihen auf einer Schnur ist alles hienieden auf mich
aufgereiht. (07.07)
Ich bin der Geschmack in den Wassern, o Sohn der Kunti (Arjuna), ich bin
das Licht in Mond und Sonne. Ich bin die Silbe Om in allen Veden; ich bin der
Ton im Äther und bin das Mannestum im Manne. (07.08)
Ich bin der reine Geruch der Erde und der Schein im Feuer. Ich bin das
Leben in allen Wesen und bin die Askese in den Asketen. (07.09)
Wisse, o Pârtha (Arjuna), daß ich der ewige Same aller Wesen bin. Ich bin
der Verstand der Verständigen, ich bin der Glanz der Glanzreichen. Siehe 9.18
und 10.39). (07.10)
Ich bin die Stärke der Starken, ohne Begierde und Leidenschaft. Ich bin, o
Herr der Bharatas (Arjuna), in den Wesen die Begierde, welche mit dem Gesetze
nicht im Widerspruch steht. (07.11)
Und was es auch immer für Zustände geben mag, seien sie ausgeglichen (sâttvika),
leidenschaftlich (râjasa) oder trâge (tâmasa), wisse, daß sie alle
nur von mir herrühen. Ich bin nicht in ihnen, sie sind in mir. (Siehe 9.04 und
9.05) (07.12)
DIE ERSCHEINUNGSFORMEN DER NATUR
VERWIRREN DIE MENSCHEN
Durch diese dreifachen Erscheinungsformen der Natur (gunas) wird
dieze ganze Welt getäuscht und erkennt mich nicht, der ich über ihnen stehe und
unvergänglich bin. (07.13)
Diese meine göttliche mâyâ, die aus den Erscheinungsformen
besteht, ist schwer zu überwinden. Diejenigen aber, die zu mir ihre Zuflucht
nehmen, schreiten über sie hinaus. (Siehe 14.26, 15.19, und 18.66) (07.14)
DER ZUSTAND DER ÜBELTÄTER
Die Übeltäter, die törichten, auf niedriger menschlicher Stufe stehenden,
deren Verstand von der Täuschung fortgerissen wird, und die an der Natur der
Dämonen teilhaben, suchen keine Zuflucht bei mir. (07.15)
VERSCHIEDENE ARTEN DER VEREHRUNG
Die Tugendvollen, die mich verehren, sind, o Herr der Bharatas
(Arjuna), von vierfacher Art: der Bedrängte, der Wahrheitssucher, der
Güterbegehrende und der Weisheitssucher. (07.16)
Von diesen ist der Weise, der sich in ständiger Vereinigung mit dem
Göttlichen befindet, dessen Hingabe nur auf eines gerichtet ist, der
vorzüglichste. Denn ich bin ihm außerordentlich teuer, und er ist mir teuer.
(07.17)
Fürwahr, edel sind sie alle, aber der Weise ist mein Selbst, so meine ich.
Er ist vollkommen ausgeglichen und nimmt zu mir als dem höchsten Ziele seine
Zuflucht. (Siehe 9.29) (07.18)
Am Ende vieler Leben geht der Weisheitsvolle zu mir ein,
wissend, daß Vâsudeva (der höchste Gott) alles ist. Solch eine große Seele ist
schwer zu finden. (07.19)
GROSSMUT
Diejenigen aber, deren Geist von Begierden fortgerissen wird, nehmen zu
anderen Göttern ihre Zuflucht, indem sie, durch ihre eigene Natur gezwungen,
verschiedene Riten vollziehen. (07.20)
Welche Gestalt auch immer ein sich fromm Hingebender gläubig zu
verehren wünscht, ich befestige diesen seinen Glauben. (07.21)
Mit diesem Glauben ausgestattet, sucht er eine solche Gestalt
sich geneigt zu machen, und von ihr erlangt er seine Wünsche, die Wohltaten, die
nur von mir allein verfügt werden. (07.22)
Zeitgebunden aber ist die Frucht, die diese geistig beschränkten Menschen
gewinnen. Die die Götter verehren, gehen zu den Göttern; wer sich mir hingibt,
kommt jedoch zu mir. (07.23)
DIE MACHT DER UNWISSENHEIT
Menschen ohne Verstand stellen sich mich, der unentfaltet ist,
als entfaltet vor; sie kennen nicht meine höhere Natur, die unveränderliche und
erhabenste. (07.24)
Von meiner Schöpferkraft (yogamâyâ) verhüllt, bin ich nicht
allen sichtbar. Diese betörte Welt kennt mich nicht, der ich ungeborenen und
unveränderlich bin. (07.25)
Ich kenne die vergangenen Wesen, die gegenwärtigen, o Arjuna, und die
zukünftigen; mich aber kennt keiner. (07.26)
Alle Wesen, o Bhârata (Arjuna), sind zur Verblendung geboren. Sie werden,
o Feindbedränger (Arjuna), von den aus Begierde und Haß entspringenden
Gegensätzen überwältigt. (07.27)
DAS OBJEKT DER ERKENNTNIS
Aber jene Menschen, die tugendvolle Taten vollbringen, in denen die Sünde
zu Ende gekommen ist (die der Sünde abgestorben sind), sie, die vom Trug der
Gegensätze befreit sind, verehren mich standhaft in ihren Gelübden. (07.28)
Die ihre Zuflucht bei mir nehmen und nach Befreiung von Alter und Tod
trachten, sie kennen das Brahman (oder das Absolute) ganz, (sie kennen) das
Selbst und alle Werke. (07.29)
Die mich als den einen kennen, der die materiellen und göttlichen Aspekte
lenkt und alle Opfer, sie, deren Sinn in Einklang gebracht ist, erkennen mich
auch in der Stunde ihres Abscheidens (von hier). (07.30)
Dies ist das siebente Kapitel, genannt: Der Yoga der Weisheit und der
Erkenntnis.
8. DER GANG DER
KOSMISCHENENTWICKLUNG
ARJUNA FRAGT
Arjuna sagte: Was ist das Brahman (das Absolute)? Was ist das Selbst, und
was ist das Handeln, o bester aller Männer? Was heißt Bereich der Elemente? Was
heißt Bereich der Götter? (08.01)
Was ist der Bereich (Teil) des Opfers in diesem Körper, und wie
beschaffen, o Madhusûdana (Kŗşna)? Und wie kannst du von den Selbstbezähmten in
der Stunde ihres Hinscheidens erkannt werden? (08.02)
KRSNA ANTWORTET
Der Erhabene sagte: Das Brahman (oder das Absolute) ist
unzerstörbar, das Höchste (höher als alles andere). Das Selbst wird Wesensnatur
genannt, und karman ist der Name, der der schöpferischen Kraft gegeben
wird, die alle Wesen ins Dasein führt. (08.03)
Die Grundlage aller erschaffenen Dinge ist die veränderliche Natur. Die
Grundlage der göttlichen Elemente ist der kosmische Geist. Und die Grundlage
aller Opfer, o bester aller Verköperten (Arjuna), bin ich selbst in diesem
Körper hier. (08.04)
DIE SEELE WANDERT DORTHIN,
WORAUF SIE IM ZEITPUNKT
DER AUFLÖSUNG GERICHTET IST
Und wer auch immer, nur meiner gedenkend, in der Stunde des Todes seinen
Körper aufgibt und hinscheidet, der gelangt in meinen Wesenszustand. Darüber
gibt es keinen Zweifel. (08.05)
An welchen (Seins) zustand er auch immer denken mag, wenn er am
Ende seinen Körper aufgibt, dieses Sein erlangt er, o Sohn der Kunti (Arjuna),
wenn er ständig in Gedanken darein versunken ist. (08.06)
Darum denke zu allen Zeiten an mich und kämpfe. Wenn dein Denken
und dein Verstand auf mich gerichtet sind, wirst du ohne Zweifel zu mir
gelangen. (08.07)
Wer mit einem Geiste, der durch andauerndes Üben befähigt worden ist und
nicht nach anderem ausschweift, über den höchsten puruşa nachdenkt,
der, o Pârtha (Arjuna), gelangt zum höchsten, göttlichen puruşa. (08.08)
Wer über den Seher nachdenkt, den alten, den Gebieter, den Feineren als
das Feinste, den Träger des Alls, dessen Gestalt unausdenkbar ist, den
Sonnenfarbenen, jenseits der Finsternis. (08.09)
Wer in der Stunde seines Hinscheidens so verfährt, mit einem standhaften
Geiste, in Hingabe und Yoga-Stärke, und seine Lebenskraft richtig inmitten der
beiden Augenbrauen festsetzt, der gelangt zum höchsten göttmichen puruşa.
(Siehe 04.29, 05.27, 06.13) (08.10)
Ich werde dir kurz den Zustand beschreiben, den dieVeda-Kenner den
unvergänglichen nennen, in den die von Leidenschaft befreiten Asketen eingehen,
und nach welchem verlangend sie ein Leben der Selbstzucht führen. (08.11)
Wer, indem er alle Tore des Körpers geschlossen hält, den Geist
im Herzen zurückhält, seine Lebenskraft im Haupte festsetzt und Yoga-Betrachtung
unternimmt, (08.12)
Wer die einzige Silbe OM, (die das) Brahman (ist), ausspricht
und meiner gedenkt, wenn er seinen Leib verlassend hingeht, dieser gelangt zum
höchsten Ziel. (08.13)
Wer beständig über mich nachdenkt und nichts anderes im Sinne
hat, von einem solchen immer bezähmten (oder: mit dem Allerhöchsten vereinten)
Yogin bin ich, o Pârtha (Arjuna), leicht erreichbar. (08.14)
Nachdem sie zu mir gekommen sind, gehen diese großen Seelen nicht zur
Wiedergeburt, der vergänlichen Stätte der Sorge, zurück. Denn sie haben die
höchste Vollendung erlangt. (08.15)
Alle Welten, vom Bereich des Brahman angefangen, sind der Wiedergeburt
unterworfen. Erreicht man aber mich, o Sohn der Kunti (Arjuna), so gibt es keine
Rückkehr zu neuer Geburt. (Siehe 09.25) (08.16)
Wer weiß, daß der Tag des Brahman die Dauer von tausend Weltaltern hat und
daß die Nacht (des Brahman) tausend Weltalter umfaßt, ist ein Kenner des Tages
und der Nacht. (08.17)
Bei Tagesanbruch kommen alle offenbaren Dinge aus dem Unentfalteten
hervor, und bei Hereinbruch der Nacht zergehen sie in diesem selben, das das
Unentfaltete heißt. (08.18)
Dieselbe Vielzahl von Lebewesen, o Pârtha (Arjuna), die immer
aufs neue entsteht, zergeht unabhelflich, wenn die Nacht hereinbricht, und
gelangt zu neuem Dasein, wenn der Tag beginnt. (08.19)
Aber jenseits dieses Unentfalteten gibt es noch ein anderes unentfaltetes
ewiges Wesen, welches nicht zugrunde geht, wenn alle Wesen zugrunde gehen.
(08.20)
Dieses Unentfaltete wird das Unvergängliche genannt. Man spricht von ihm
als dem höchsten Zustand. Die es erreichen, kehren nicht zurück. Es ist meine
höchste Wohnstätte. (08.21)
Dies ist, o Pârtha (Arjuna), der höchste puruşa, in welchem alle
Wesen wohnen, von dem all dies durchdrungen ist und (welcher) durch standhafte
Hingabe gewonnen werden kann. (08.22)
ZWEI WEGE
Nun will ich dir, o bester der Bharatas (Arjuna), erklären, zu welcher
Zeit die Yogins hinscheidend nimmer wiederkehren, und auch jene Zeit, in welcher
sie hinscheidend wiederkehren. (08.23)
Das Feuer, das Licht, der Tag, die helle (Monatshälfte), die sechs Monate
des nördlichen Weges (der Sonne): hier fortschreitend gehen die Menschen, die
das Absolute kennen, in das Absolute ein. (08.24)
Der Rauch, die Nacht, und auch die dunkle (Monatshälfte), die sechs Monate
des südlichen Weges (der Sonne): hier fortschreitend erlangt der Yogin das
Mondlicht und kehrt zurück. (08.25)
Licht und Dunkelheit, diese Pfade gelten als der Welt ewige
(Pfade). Auf dem einen geht man zur Nichtwiederkehr, auf dem anderen kehrt man
zurück. (08.26)
Niemals, o Pârtha (Arjuna), gerät der Yogin, der diese beiden Pfade kennt,
in Verblendung. Ei darum zu allen Zeiten stark im Yoga, o Arjuna. (08.27)
Da er dies alles erkannt hat, geht der Yogin über die Früchte
verdienstvoller Taten hinaus, die dem Veda-Studium, den Opfern, Kasteiungen und
Schenkungen zugeschrieben werden, und gelangt zur höchsten, uranfänglichen
Stätte. (08.28)
Dies ist das achte Kapitel, genannt: Der Yoga des unvergänglichen
Absoluten.
9. DER HERR IST MEHR ALS
SEINE SCHÖPFUNG
DAS OBERSTE GEHEIMNIS
Der Erhabene sagte:
Dir, der du nicht unwillig murrst, will ich dieses tiefe mit Wissen versehene
Weisheitsgeheimnis erklären, durch dessen Erkenntnis du vom Übel erlöst werden
wirst. (09.01)
Dies ist das erhabenste Geheimnis, das erhabenste Wissen, die höchste
Heiligkeit, durch unmittelbare Erfahrung erkannt, mit dem Gesetz
überreinstimmend, leicht auszuführen und unvergänglich. (09.02)
Die Menschen, die an diesen Pfad nicht glauben, gelangen nicht zu mir und
kehren, o Feindbedränger (Arjuna), auf den Pfad des sterblichen Daseins (samsâra)
zurück. (09.03)
DER FLEISCHGEWORDENEN HERR ALS
HÖCHSTE WIRKLICHKEIT
Dieses ganze All ist von mir in meiner unentfalteten Gestalt
durchdrungen. Alle Wesen wohnen in mir, aber ich wohne nicht in ihnen. (Siehe
7.12) (09.04)
Und (doch) wohnen die Wesen nicht in mir; siehe mein göttliches
Geheimnis. Mein Geist, der der Ursprung aller Wesen ist, erhält die Wesen, wohnt
aber nicht in ihnen. (09.05)
Wisse, daß in derselben Weise wie die überalhin sich bewegende,
mächtige Luft beständig im Ätherraum (âkâśa) wohnt, alle Wesen in mir
wohnen. (09.06)
Alle Wesen, o Sohn der Kunti (Arjuna), gehen am Ende der Weltperiode in
meine Natur ein. Und am Beginn der (nächsten) Weltperiode bringe ich sie wieder
hervor. (Siehe 8.17) (09.07)
Auf meine eigene Natur gestützt, bringe ich wieder und wieder dieze ganze
Vielheit von Wesen hervor, welche hilflos und der Gewalt der Natur (prakrti)
ausgeliefert sind. (09.08)
Und doch binden mich diese Werke nicht, o Schätzegewinner (Arjuna). Denn
ich sitze gleichsam unbeteiligt da und verhafte mich nicht an diese Handlungen.
(09.09)
Unter meiner Leitung bringt die Natur (prakrti) alle Dinge,
bewegliche und unbewegliche, hervor, und hierdurch, o Sohn der Kunti (Arjuna),
bleicht die Welt in Umlauf. (Siehe 14.03) (09.10)
HINGABE AN DEN ALLERHÖCHSTEN
BRINGT GROSSEN LOHN;
GERINGERE HINGABE BRINGT
GERINGEREN LOHN
Die Verblendeten verachten mich, der ich in einen menschlichen Körper
gekleidet bin, und kennen nicht meine höhere Natur als Her aller Wesen (09.11)
Sie nehmen an der trügerischen Natur der Feinde und der Dämonen teil, ihre
Hoffnungen, ihre Handlungen und ihr Wissen sind vergeblich, und sie haben keine
Urteilskraft. (09.12)
Die Großherzigen, o Pârtha (Arjuna), die in der göttlichen Natur verweilen
und (mich als) den unvergänglichen Ursprung aller Wesen kennen, verehren mich
mit gesammeltem Geiste. (09.13)
Immerdar bezähmt, verehren sie mich, indem sie mich verherrlichen, eifrig
und standhaft in den Gelübden sind, sich hingebungsvoll vor mir verneigen.
(09.14)
Andere wieder opfern mit dem Opfer des Wissens und verehren mich als den
einen, als den Besonderen und als den Vielfältigen, nach allen Seiten
Blickenden. (09.15)
Ich bin die rituelle Handlung, ich bin das Opfer, ich bin die Ahnenspende,
ich bin das (Heil-) Kraut, ich bin die (heilige) Hymne, ich bin auch die
Schmelzbutter, ich bin das Feuer und ich bin der Opferguß. (09.16)
Ich bin der Vater dieser Welt, die Mutter, der Erhalter und der Großvater.
Ich bin das Objekt des Wissens, der Läuterer. Ich bin die Silbe Om, und ich bin
die rk, das sâman und ebenso das yajus. (Siehe 7.10 und
10.39) (09.17)
Ich bin das Ziel, der Träger, der Herr, der Zuschauer, die Wohnung, die
Zuflucht und der Freund. (Ich bin) der Ursprung und die Auflösung, der feste
Grund, die Ruhestätte und der unvergängliche Samen. (09.18)
Ich spende Hitze. Ich halte zurück und entsende den Regen. Ich bin die
Unsterblichkeit und bin der Tod. Ich bin, o Arjuna, sowohl das Sein als auch das
Nicht-Sein. (Siehe 13.12) (09.19)
Die Kenner der drei Veden, welche den Somasaft trinken, von Sünde
gereinigt sind und mich mit Opfern verehren, erflehen den Weg zum Himmel. Sie
erreichen die heilige Welt Indras (des Herrn des Himmels) und genießen im Himmel
göttliche Freuden. (09.20)
Nachdem sie die weite Himmelswelt genossen haben, gehen sie (kehren sie),
wenn ihre Verdienste erschöpft sind, in die Welt der Sterblichen ein (zurück).
So erlangen sie, nach Freuden begehrend, gemäß der Lehre der drei Veden
dasjenige, was veränderlich ist (der Geburt und dem Tode unterworfen ist).
(Siehe 8.25) (09.21)
Denjenigen aber, die mich verehren, indem sie allein über mich
nachdenken, diesen immer Beharrlichen bringe ich den Erwerb dessen, was sie
nicht besitzen, und Sicherheit in dem, was sie besitzen. (09.22)
Selbst jene, die anderen Göttern anhangen und sie gläubig verehren, auch
sie, o Sohn der Kunti (Arjuna), opfern keinem anderen als mir allein, obgleich
sie es nicht nach dem wahren Gesetze tun. (09.23)
Denn ich bin der Genießer und der Herr aller Opfer. Aber diese Menschen
kennen mich nicht in meiner wahren Natur, und darum fallen sie. (09.24)
Gottesverehrer gehen zu den Göttern; Ahnenverehrer gehen zu den Ahnen, die
den Geistern opfern, gehen zu den Geistern, und die mir opfern, kommen zu mir.
(Siehe 8.16) (09.25)
Wer immer mir verehrungsvoll ein Blatt, eine Blume, eine Frucht
oder Wasser opfert, ich nehme dieses liebevolle Opfer eines Menschen reinen
Herzens an. (09.26)
Was du tust, was du ißt, was du opferst, was du verschenkst,
welche Askese du treibst, volbringe es, o Sohn der Kunti (Arjuna), als ein Opfer
an mich. (Siehe 12.10, 18.46) (09.27)
So wirst du von den guten und bösen Folgen, welche die Fesseln der Werke
sind, erlöst werden. Deinen Geist fest auf den Pfad der Entsagung gerichtet,
wirst du befreit werden und zu mir gelangen. (09.28)
Ich bin derselbe in (ich gleiche) allen Wesen. Keiner ist mir
hassenswert, keiner lieb. Aber jene, die mich in Hingabe verehren, sie sind in
mir und ich bin in ihnen. (Siehe 7.18) (09.29)
Wenn er mich in aufmerksamer Hingabe verehrt, kann sogar ein
Mensch von sehr üblem Wandel als rechtschaffen gelten; denn er hat sich recht
entschlossen. (09.30)
Rasch wird er seine Seele der Rechtschaffenheit und erlangt immerwährenden
Frieden. Wisse, o Sohn der Kunti (Arjuna), daß nimmer zugrunde geht, wer mir
anhangt. (09.31)
Denn alle, die ihre Zuflucht in mir suchen, o Pârtha (Arjuna), auch wenn
sie Niedriggeborene, Frauen, Vaiśyas und Sûdras sind, auch sie gelangen an das
höchste Ziel. (Siehe 18.66) (09.32)
Wieviel mehr erst die heiligen Brahmanen und die frommen königlichen
Weisen. Verehre mich, nachdem du in diese vergängliche, leidvolle Welt
eingetreten bist. (09.33)
Richte deinen Geist auf mich; sei mir ergeben; berehre mich;
huldige mir; nachdem du dich so gezügelt hast, wirst du, mich zum Ziele habend,
zu mir kommen. (09.34)
Dies ist das neunte Kapitel, genannt: Der Yoga des Erhabensten Wissens und
des erhabensten Geheimnisses.
10. Gott
ist die Quelle von Allem: Ihn kennen heißt Alles kennen
IMMANENZ UND TRANSZENDENZ GOTTES
Der Erhabene sagte:
Höre noch weiter, o Starkarmiger (Arjuna), auf mein allerhöchstes Wort; Weil ich
dir Gutes tun möchte, will ich es dir nun, da du Gefallen (an meinen Worten)
findest, erklären. (10.01)
Weder die Götterscharen noch die großen Seher kennen meinen Ursprung, denn
ich bin der Beginn der Götter und der großen Seher in jeder Weise. (10.02)
Wer mich, den Ungeborenen, Anfanglosen, den mächtigen Herrn der Welten,
kennt, der ist unverblendet unter den Sterblichen und von allen Sünden befreit.
(10.03)
Verstand, Wissen, Nicht-Verblendung, Geduld, Wahrheit Selbstbezähmung und
Stille; Freude und Leid, Sein und Nicht-Sein, Furcht und Furchtlosigkeit,
(10.04)
Gewaltlosigkeit, Gleichmütigkeit, Zufriedenheit, Askese, Mildtätigkeit,
Ruhm und Schmach (sind) die verschiedenen Zustände der Wesen, entspringen aus
mir allein. (10.05)
Die sieben großen Weisen der Vorzeit und auch die vier Manus haben meine
Natur und sind meinem Geiste geboren; und von ihnen stammen alle diese Geschöpfe
der Welt. (10.06)
Wer diese meine Herrlichkeit (Offenbarung) und Kraft (ständige Tätigkeit)
wahrheitsgemäß erkennt, der wird durch unerschütterlichen Yoga (mit mir)
vereint. Darüber besteht kein Zweifel. (10.07)
ERKENNTNIS UND HINGABE
Ich bin der Ursprung von allem; aus mir geht alles (die ganze
Schöfung) hervor. Dies wissend verehren mich die Weisen, die im Besitze
der Überzeugung sind. (10.08)
Ihre Gedanken (sind) auf mich gerichtet, ihr Leben (ist) mir hingegeben,
einander erleuchtend und ständig von mir sprechend, sind sie zufrieden und
erfreuen sich (an mir). (10.09)
Diesen, die immerdar hingegeben sind und mich in Liebe verehren, gewähre
ich die Versenkung des Verstandes, durch welche sie zu mir gelangen. (10.10)
Aus Mitleid mit diesen zerstöre ich, in meinem wahren Zustand verweilend,
mit der leuchtenden Lampe der Weisheit die aus der Unwissenheit geborene
Finsternis. (10.11)
DER HERR IST DER SAME UND DIE
VOLLKOMMENHEIT
ALLES SEIENDEN
Arjuna sagte: Du bist das höchste Brahman, die höchste Wohnstätte und der
höchste Läuterer, der ewige, göttliche puruşa, der erste derGötter, der
Ungeborene, Allesdurchdringer. (10.12)
Dies sagen alle Weisen von dir, ebenso der göttliche Seher Nârada, und
auch Asita, Devala, Vyâsa; und du selbst erklärst es mir. (10.13)
Alles was du mir sagst, o Kesava (Krsna), halte ich für wahr; weder die
Götter noch die Dämonen kennen deine Offenbarung, o Herr. (10.14)
Wahrlich, du selbst kennst dich selbst durch dich selbst, o
höchster puruşa: der Ursprung aller Wesen, der Herr der Geschöpfe; der
Gott der Götter; der Herr der Welt. (10.15)
Du sollst mir ohne Auslassung von deinen göttlichen Offenbarungen
erzählen, durch welche du, diese Welten durchdringend, (in ihnen und jenseits)
wohnst. (10.16)
Wie kann ich dich, o Yogin, durch beständige Versenkung erkennen? In
welchen mannigfaltigen Aspekten soll ich dich, o Erhabener, denken? (10.17)
Berichte mir noch weiter im einzelnen von deiner Macht und Offenbarung, o
Janârdana (Krsna); denn ich bin vom Hören deiner nektargleichen Rede nicht
gesättigt. (10.18)
Der Erhabene sagte: Ja, ich will dir meine göttlichen Gestalten erklären,
aber nur jene, die am meisten hervorragen, o bester der Kurus (Arjuna); denn
meiner Ausbreitung (meinen Einzelheiten) ist kein Ende gesetzt. (10.19)
Ich bin, o Gudakesa (Arjuna), das Selbst, das im Herzen aller Geschöpfe
wohnt. Ich bin der Beginn, die Mitte und das Ende der Wesen. (10.20)
Von den Âdityas bin
ich Visnu; von den Lichtern (bin ich) die strahlende Sonne; ich bin Marîci von
den Maruts, von den Sternen bin ich der Mond. (10.21)
Von den Veden bin ich
der Sâmaveda; von den Göttern bin ich Indra; von den Sinnen bin ich der Geist
und in den Lebewesen bin ich das Bewußtsein. (10.22)
Von den Rudras bin ich
Samkara (Siva); von den Yakşas und Râkşassas (bin ich) Kubera; von den Vasus bin
ich Agni (Feuer) und von den Berggipfeln bin ich der Meru. (10.23)
Erkenne mich als den obersten der Hauspriester, Brhaspati; von den
Heerführern bin ich Skanda, von den Seen bin ich der Ozean. (10.24)
Von den großen Weisen bin ich Bhrgu; von den Worten bin ich die eine Silbe
Om; von den Opfern bin ich des Opfer der stillen Versenkung; un von den
unbeweglichen Dingen (bin ich) der Himâlaya. (10.25)
Von allen Bäumen (bin ich) der Asvattha, und von den göttlichen Sehern
(bin ich) Nârada; unter den Gandharvas (bin ich) Citraratha, und von den
Vollkommenen (bin ich) Kapila, der Weise. (10.26)
Von den Pferden erkenne mich als den nektargeborenen Uccaihsravas; von den
Elephanten-Fürsten (bin ich) Airâvata, und von den Menschen (bin ich) der König.
(10.27)
Von den Waffen bin ich der Donnerkeil; von den Kühen bin ich die
Wunschkuh; von den Zeugenden bin ich der Liebesgott, von den Schlangen bin ich
Vâsuki. (10.28)
Von den Nâgas bin ich Ananta; von den Wasserbewohnern bin ich Varuna; von
den (abgeschiedenen) Vorfahren bin ich Aryaman; von den das Gesetz und die
Ordnung aufrecht Erhaltenden bin ich Yama. (10.29)
Von den Titanen bin ich Prahlâda; von den Berechnenden bin ich die Zeit;
von den Tieren bin ich der König der Tiere (Löwe), und von den Vögeln (bin ich)
der Sohn der Vinantâ (Garuda). (10.30)
Von der Läuterern bin ich der Wind; von den Kriegern bin ich Râma; von des
Fischen bin ich der Alligator, und von den Strömen bin ich der Ganges. (10.31)
Von den Schöpfungen bin ich der Anfang, das Ende und auch die Mitte, o
Arjuna; von den Wissenschaften (bin ich) die Wissenschaft vom Selbst; ich bin
Sprache jener, die disputieren. (10.32)
Von den Buchstaben bin ich (der Buchstabe) A und von den Komposita (bin
ich) das kopulative Kompositum; ich bin auch die unvergängliche Zeit, und
ich bin der Schöpfer, dessen Antlitz nach allen Seiten gerichtet ist. (10.33)
Ich bin der allesverschlingende Tod und (bin) der Ursprung der Dinge, die
sein werden; und von den weiblichen Wesen (bin ich) die Berühmtheit, die
Wohlfahrt, die Rede, die Erinnerung, die Intelligenz, die Stärke und die
Langmut. (10.34)
Ebenso bin ich von den Hymnen das brhatsâman, von den Metren die
gâyatri; von den Monaten (bin ich) mârgasişa, und von den
Jahreszeiten bin ich der Blumenträger (Frühling). (10.35)
Von dem Betrügerischen bin ich das Spiel; von dem Glänzenden der
Glanz; ich bin der Sieg; ich bin die Anstrengung und ich bin die Güte der Guten.
(10.36)
Von den Vrsnis bin ich Vâsudeva; von den Pândavas (bin ich) der
Schätzegewinner (Arjuna); von den Sehern bin ich auch Vyâsa, und von den
Dichtern (bin ich) der Dichter Usanas. (10.37)
Von den Züchtigenden bin ich die Rute (der Züchtigung); von den nach Sieg
Strebenden bin ich die kluge Politik; von den Geheimnissen bin ich das Schweigen
und von den Weisheitskennern die Weisheit. (10.38)
Und was ferner der Same aller Lebewesen ist, das bin ich, o Arjuna; auch
gibt es nichts Bewegliches und Unbewegliches, das ohne mich existieren kann.
(10.39)
Meinen göttlichen Offenbarungen ist kein Ende gesetzt, o Feinbedränger
(Arjuna). Was ich (hier) erklärt habe, soll nur ein veranschaulichendes Beispiel
meiner unendlichen Herrlichkeit sein. (10.40)
Welches mit Herrlichkeit, Schönheit und Kraft ausgestattete Wesen es auch
immer geben mag, wisse daß es aus einem Teile meines Glanzes entsprungen ist.
(10.41)
Aber was brauchst du, o Arjuna, ein so ausführliches Wissen? Ich
trage dieses ganze All, indem ich es mit einem einzigen Teil meines Selbst
durchdringe. (10.42)
Dies ist das zehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Offenbarung.
11.
DIE
VERKLÄRUNG DES HERRN
ARJUNA BEGEHRT, GOTT IN SEINER
ALLUMFASSENDEN GESTALT ZU SEHEN
Arjuna sagte: Das höchste Geheimnis, die Rede über höchste Selbst, die du
mir gnädigerweise mitgeteilt hast: durch sie its meine Verwirrung von mir
gewichen. (11.01)
Ich habe von dir ausführlich über die Beburt und das Hinschwinden der
Dinge gehört, ebenso auch über deine unvergängliche Herrlichkeit, o Lotusäugiger
(Kŗşna). (11.02)
Was du von deinem Sein ausgesagt hast, o höchster Herr, ist
wirklich so. (Doch) begehre ich dernach, deine göttliche Gestalt zu sehen, o
höchster puruşa. (11.03)
Wenn du glaubst, o Herr, daß es von mir gesehen werden kann, dann enthülle
mir dein unvergängliches Selbst, o Herr des Yoga (Kŗşna). (11.04)
DIE OFFENBARUNG DES HERRN
Der Erhabene sagte: Erblicke, o Pârtha (Arjuna), meine Gestalten,
hundertfältig, tausendfältig, verschiedenartig, göttlich, von verschiedenen
Farben und Formen. (11.05)
Erblicke die Âdityas, die Vasus, die Rudras, die zwei Aśvins und auch die
Maruts. Erblicke, o Bhârata (Arjuna), viele vorher nie gesehene Wunder.
(11.06)
Erblicke heute das ganze Universum, das bewegliche und das unbewegliche
und was du sonst noch zu schauen begehst, o Gudâkeśa (Arjuna), hier in meinen
Körper vereinigt. (11.07)
Doch kannst du mich nicht mit diesem deinem (menschlichen) Auge
erblicken. Ich will dir das übernatürliche Auge verleihen. Schaue meine
göttliche Macht. (11.08)
SAMJAYA BESCHREIBT DIE GESTALT
Samjaya sagte: Nachdem er so gesprochen hatte, o König, enthüllte Hari,
der große Herr des Yoga, dem Pârtha (Arjuna) seine höchste und göttliche
Gestalt: mit vielen Mündern und Augen, mit vielen wunderbaren Gesichten, mit
vielem himmlischen Schmuck, mit vielen emporgestreckten göttlichen Waffen,
himmlische Kränze und Gewänder tragend, mit himmlischen Düften und Salben, aus
allen Wundern bestehend, strahlend, grenzenlos, das Antlitz nach allen Seiten
gerichtet. (11.09-11)
Würde am Himmel plötzlich das Licht von tausend Sonnen aufflammen, so
würde vielleicht dies dem Glanze jenes erhabenen Wesens gleichkommen. (11.12)
Da schaute der Pândava (Arjuna)das ganze Universum mit seinen mannigfachen
Teilen in einem einzigen vereinigt, in dem Körper des Gottes der Götter. (Siehe
13.16, und 18.20) (11.13)
ARJUNA SPRICHT ZU GOTT
Dann sagte der Schätzegewinner (Arjuna), von Staunen ergriffen, mit sich
sträubenden Haaren, sein Haupt vor dem Herrn verneigend, mit (zum Gruß)
gefalteten Händen: (11.14)
Arjuna sagte: In deinem Körper, o Gott, sehe ich alle Götter und ebenso
die verschiedenen Scharen von Wesen, Brahman, den Herrn, der auf dem Lotusthron
sitzt, und alle die Weisen und die himmlischen Nâgas. (11.15)
Ich sehe dich mit nach allen Seiten unendlicher Gestalt, mit
zahllosen Armen, Bäuchen, Gesichtern und Augen; aber dein Ende oder deine Mitte
oder deinen Beginn sehe ich nicht, o Herr des Alls, o allumfassende Gestalt.
(11.16)
Ich sehe dich mit deiner Krone, deiner Keule und deinem Diskus, wie eine
Lichtflut überallhin leuchtend, schwer zu erkennen, nach allen Seiten hin
(blendend) mit den Lichtstrahlen des flammenden Feuers und der Sonne,
unvergleichlich. (11.17)
Du bist der Unvergängliche, das zu erfassende Höchste, du bist die letzte
Ruhestätte des Alls; du bist der unsterbliche Hüter des ewigen Gesetzes, du
bist, so meine ich, der immerwährende puruşa.(11.18)
Ich sehe dich als einen ohne Anfang, Mitte oder Ende, von unendlicher
Macht, mit zahllosen Armen, mit Sonne und Mond als deinen Augen, mit einem
Antlitz wie flammendes Feuer, dessen Schein dieses ganze All versengt. (11.19)
Von dir allein wird dieser Zwischenraum zwischen Himmel und Erde
durchdrungen, ebenso alle Gegenden (Himmelsrichunggen). O Erhabener, die drei
Welten erzittern, wenn diese deine wunderbare, schreckliche Gestalt erblicken.
(11.20)
Jene Götterscharen treten in dich ein, und einige preisen dich furchtvoll
mit gefalteten Händen, und die Scharen der göttmichen Seher und Vollkommenen
rufen dir „Heil“ und beten dich an mit Hymnen überquellenden Lobes. (11.21)
Die Rudras, die Âdityas, die Vasus, die Sâdhyas, die Viśvas, die beiden
Aśvins, die Maruts und die Manen, und die Scharen der Gandharvas, der Yakşas,
Asuras und Siddhas, sie alle schauen dich an und staunen. (11.22)
Sehen sie deine große Gestalt, mit vielen Mündern und Augen, o
Starkarmiger, mit vielen Armen, Schenkeln und Füßen, mit vielen Bäuchen, durch
viele Fangzähne schreckerregend, so erzittern die Welten, und ich ebenso.
(11.23)
Wenn ich dich ansehe, der du den Himmel berührst, in vielen Farber:
erstrahlst, mit weit geöffneten Mündern und großen glühenden Augen, so erzittert
meine innerste Seele, und ich finde keinen Halt und keine Ruhe, o Visnu! (11.24)
Wenn ich deine wegen der Fangzähne schreklichen Münder, wie die
verzehrenden Flammen der Zeit, betrachte, verliere ich mein Ortsgefühl und finde
keinen Frieden. Sei gnädig, o Herr der Götter, Zuflucht der Welten! (11.25)
Alle jene Söhne des Dhrtarâstra, zusammen mit den Scharen der Könige, und
auch Bhîsma, Drona und Karna, gemeinsam mit den besten Kriegern auf unserer
Seite – (11.26)
Stürzen in deine furchtbaren Münder mit den schrecklichen Fangzähnen. Man
sieht einige, die sich zwischen den Zähnen verfangen haben, ihre Köpfe zu Staub
zermalmt. (11.27)
Wie die vielen reißenden Wasserfluten der Flüsse dem Meere entgegeneilen,
so stürzen diese Helden der Welt in deine flammenden Münder. (11.28)
Wie Motten eilig in ein flammendes Feuer stürzen, um dort vernichtet zu
werden, so stürzen zu ihrer eigenen Zerstörung diese Männer mit großer Hast in
deine Münder. (11.29)
Mit deinen flammenden Mündern verschlingst du allerorts die Welten und
leckst sie auf. Deine glühenden Strahlen erfüllen dieses ganze All und versengen
es mit ihrem glutvollen Schein, o Visnu! (11.30)
Sage mir an, wer du in dieser schrecklichen Gestalt bist. Heil sei dir, o
du große Gottheit; sei gnädig! Ich begehre darnach, dich zu kennen, (der du) der
Uranfängliche (bist), den ich kenne dein Wirken nicht. (11.31)
GOTT ALS RICHTER
Der Erhabene sagte: Ich bin die Zeit, die weltzerstörende, reifgewordene,
damit beschäftigt, die Welt zu unterwerfen. Auch ohne dich (dein Handeln) werden
alle in den gegnerischen Heeren aufgestellten Krieger zu sein aufhören. (11.32)
Darum erhebe dich und erringe Ruhm. Besiege deine Feinde und genieße ein
blühendes Königtum. Sie sind bereits von mir geschlagen. Sei du nur mehr der
Anlaß, o Savyasâcin (Arjuna) (11.33)
Erschlage den Drona, Bhîsma, Jayadratha, Karna und auch die anderen großen
Krieger, die bereits von mir gerichtet sind. Habe keine Furcht! Kämpfe! Du wirst
die Feinde in der Schlacht besiegen. (11.34)
Samjaya sagte: Nachdem Kiritin (Arjuna) die Rede Keśavas (Kŗşna) vernommen
hatte, grüßte er ihn zitternd und mit gefalteten Händen wieder und sprach, sich
furchtvoll niederwerfend, mit stockender Stimme zu Kŗşna. (11.35)
ARJUNAS PREISLIED
Arjuna sagte: O Hrsikeśa (Kŗşna), mit Recht erfreut und entzückt sich die
Welt daran, dich zu verherrlichen. Die Râksasas (Dämonen) fliehen erschreckt
nach allen Richtungen, und alle die Scharen der Vollkomenen verneigen sich vor
dir (verehrungsvoll). (11.36)
Und wie sollten sie dir nicht huldigen, o Erhabener, der du größer bist
als Brahman, der erste Schöpfer? O unendliches Wesen, Herr der Götter, Zuflucht
des Alls, du bist das Unvergänliche, das Sein und das Nicht-Sein und was
jenseits desselben liegt. (Siehe 9.19) (11.37)
Du bist der erste der Götter, der Ur-puruşa, die höchste Ruhestätte
der Welt. Du bist der Kenner und das zu Erkennende und das höchste Ziel. Und von
dir ist dieses All durchdrungen, o du von unendlicher Gestalt. (11.38)
Du bist Vâya (der Wind), Yama (der Zerstörer), Agni (das Feuer), Varuna
(der Gott des Meeres) und Saśanka (der Mond) und Prajâpati, der Urwater (von
allem). Heil dir, tausenmal Heil! Immer und immer wieder Heil, Heil dir! (11.39)
Heil dir vorne, (Heil) dir hinten und Heil dir auf allen Seiten, o All!
Du, von grenzenloser Kraft und unermeßlicher Macht, durchdringst alles und bist
darum das All. (11.40)
Was ich auch immer in Übereilung zu dir gesagt habe, denkend, du seist
mein Gefährte, und uneingedenk dieser (Tatsache) deiner Größe, „o Kŗşna, o
Yâdava, o Freund „sei es aus meiner Nachlässigkeit oder auch aus Zuneigung
heraus, (11.41)
Und was ich dir auch immer scherzhafterweise an Mißachtung zuteil werden
ließ, beim Spiel oder auf den Bette oder lagernd oder beim Essen, entweder
allein oder in Gegenwart anderer, o Unerschütterlicher, ich bitte dich, den
Unermeßlichen, um Vergebung all dessen. (11.42)
Du bist der Vater der beweglichen und der unbeweglichen Welt. Du bist der
Gegenstand ihrer Verehrung und deren würdevoller Lehrer. Keiner ist dir gleich.
Wie könnte je einer größer sein als du in den drei Welten, o du unvergleichlich
Großer! (11.43)
Darum verbeuge ich mich und werfe meinen Körper vor dir nieder, o
anbetungswürdiger Herr. Ich suche deine Gnade. Wie ein Vater mit seinen Sohne,
wie ein Freund mit seinem Freunde, wie ein Liebender mit seiner Geliebten sollst
du, o Gott, Nachsicht mit mir haben. (11.44)
Ich habe nie zuvor Gesehenes gesehen und freue mich, aber mein Herz ist
von Angst aufgewüchlt. Zeige mir deine andere (frühere) Gestalt, o Gott, und sei
gnädig, o Herr der Götter und Zuflucht des Alls! (11.45)
Ich möchte dich wie vorhin erblicken, mit deiner Krone, mit der Keule und
mit dem Diskus in der Hand. Nimm deine vierarmige Gestalt an, o du
Tausendarmiger und Allgestaltiger! (11.46)
GOTTES GNADE UND TRÖSTUNG
Durch meine Gnade, durch meine götliche Kraft habe ich dir, o Arjuna, die
höchste, lichtvolle, allumfassende, unendliche und uranfängliche Gestalt
gezeigt, die noch keiner außer dir gesehen hat. (11.47)
Weder durch die Veden, (noch durch) Opfer, noch durch Studium, noch durch
Gaben, noch durch Riten, noch durch strenge Askese vermag ich in dieser Gestalt
von irgendeinem anderen als dir in der Menschenwelt gesehen zu werden, o Held
der Kurus (Arjuna). (11.48)
Habe keine Angst, sei nicht verwirrt, wenn du diese meine schreckliche
Gestalt erblickst. Betrachte frei von Furcht und frohen Herzens diese meine
andere (frühere) Gestalt. (11.49)
Samjaya sagte: Nachdem er so zu Arjuna gesprochen hatte, enthüllte
Vâsudeva (Kŗşna) ihm wiederum seine eigene Gestalt. Indem er wieder seine
Gnadengestalt angenomen hatte, tröstete der Erhabene den erschrockenen Arjuna.
(11.50)
Arjuna sagte: Indem ich, o Janârdana (Kŗşna), wieder diese deine
menschliche, freundliche Gestalt erblicke, sammle ich mich und gelange in meinen
natürlichen Zustand zurück. (11.51)
Der Erhabene sagte: Du hast diese meine Gestalt geschaut, die in Wahrheit
schwer zu schauen ist. Selbst die Götter begehren darnach, diese Gestalt zu
sehen. (11.52)
In dieser Gestalt, in der du mich nun geschaut hast, kann ich
weder durch die Veden, noch durch Askese, noch durch Gaben, noch durch Opfer
erblickt werden. (11.53)
Man kann mich aber, o Arjuna, durch wankellose Hingabe an mich
in dieser Weise erkennen, mich in Wahrheit schauen und in mich eingehen, o
Feindbedränger (Arjuna). (11.54)
Wer für mich wirkt, wer mich als sein Ziel betrachtet, wer mich
verehrt, frei von Anhänglichkeit und ohne Feindschaft gegen alle Geschöpfe ist,
dieser gelangt zu mir, o Pândava (Arjuna). (Siehe 8.22) (11.55)
Dies ist das elfte Kapitel, genannt: Die Anschauung der kosmischen
Gestalt.
12.
VEREHRUNG
DES PERSÖNLICHEN GOTTES IST BESSER
ALS MEDITATION ÜBER DAS ABSOLUTE
HINGABE UND BETRACHTUNG
Jene Hingebungsvollen, die dich in anhaltenden Ernste verehren,
und jene auch, (die) das Unvergängliche und Unoffenbare (verehren), welche von
diesen (beiden) haben das größere Wissen vom Yoga? (12.01)
Der Erhabene sagte: Jene, die mich mit auf mich gerichtetem
Geiste, in anhaltendem Ernste und im Besitze des höchsten Glaubens verehren,
diese betrachte ich als am meisten im Yoga vollkommen. (Siehe 6.47) (12.02)
Aber jene, die das Unvergängliche, das Undefinierbare, das Unoffenbare,
das Allgegenwärtige, das Undenkbare, das Unveränderliche und das Unbewegliche,
das Beständige verehren, indem sie alle Sinne bezähmen, in allen Lagen
gleichmütig sind, sich an der Wohlfahrt aller Geschöpfe erfreuen, diese gelangen
(genau so wie die anderen) gewißlich zu mir. (12.03-04)
Die Beschwerden jener, deren Gedanken sich auf das
Nicht-Offenbare richten, sind größer; denn schwer erreichbar ist das Ziel des
Nicht-Offenbaren für verkörperte (Wesen). (12.05)
VERSCHIEDENE ARTEN DES
NAHEKOMMENS
Jene aber, die alle ihre Handlungen auf mich laden, die, auf mich bedacht,
über mich nachsinnend, mit unerschütterlicher Hingabe Verehrung üben, diese, o
Pârtha (Arjuna), deren Gedanken auf mich gerichtet sind, erlöse ich geradewegs
aus dem Meere des todgeweihten Daseins. (12.6-7)
Richte deinen Geist allein auf mich, lasse deine Vernunft in mir Wohnung
nehmen. Du sollst nachher in mir leben. Darüber gibt es keinen Zweifel. (12.08)
Wenn du aber nicht in der Lage bist, dein Denken beständig auf mich zu
richten, dann suche mich, o Schätzegewinner (Arjuna), durch Versenkungsübung zu
erlangen. (12.09)
Wenn du auch unfähig bist, mich durch Übung zu suchen, dann sei einer, der
im Dienste an mir sein höchstes Ziel hat. Auch indem du um meinetwillen
Handlungen vollbringst, wirst du die Vollendung erreichen. (12.10)
Wenn du auch dieses zu tun unfähig bist, dan entsage mit bezähmenten
Selbst der Frucht alles Handelns, indem du Zuflucht zu meinen gebändigten
Tätigsein nimmst. (12.11)
Besser, fürwahr, als die Übung (der Versenkung) ist Wissen;
besser als Wissen ist Betrachtung; besser als Betrachtung ist Entsagung in bezug
auf die Frucht des Handelns; der Entsagung (folgt) sogleich der Friede. (Siehe
18.02, 18.09) (12.12)
DER WAHRE FROMME
Wer keinem Wesen gegenüber böse gesinnt ist, wer freundlich und
mitleidsvoll ist, frei von Egoismus und Selbstsucht, gleichmütig in Leid und
Freude und geduldig ist, diesen Yogin, der stets zufrieden ist, selbstbezähmt
und unerschütterlichen Entschlusses, der Sinn und Vernunft an mich hingegeben
hat, ihn, meinen Verehrer, liebe ich. (12.13-14)
Er, vor dem die Welt nicht zurückweicht, und der vor der Welt nich
zurückweicht, und der frei von Freude und Zorn, Furcht und Aufregung ist, ihn
liebe ich. (12.15)
Er, der nichts erwartet, der rein, geschickt im Handeln, unbekümmert und
sorglos ist, der allen Unternehmungsgeist (zu handeln) aufgegeben hat, ihn,
meinen Verehrer, liebe ich. (12.16)
Er, der weder Freude hat, noch Haß empfindet, der weder trauert, noch
begehrt, der dem Guten und dem Bösen abgeschworen hat, ihn liebe ich, der mir so
ergeben ist. (12.17)
Er, der gegenüber Feind und Freund (sich) gleich (verhält), auch gegenüber
guter und schlechter Nachrede, und der in Kälte und Hitze, Freude und Schmerz
derselbe bleibt, under der frei von Anhänglichkeit ist, er, der Tadel und Lob
für gleich hält, der schweigsam (zurückheltend im Reden) ist, der sich mit allem
begnügt (was ihm begegnet), der keine feste Heimstatt hat, jedoch festen
Verstandes ist, ihn, den Hingegebenen, liebe ich. (12.18-19)
Diejenigen aber, welche gläubig, mich als ihr höchstes Ziel betrachtend,
dieser unsterblichen Weisheit folgen, diese Hingegebenen liebe ich
außerordentlich. (12.20)
Dies ist das zwölfte Kapitel, genannt: Der Yoga der Hingabe.
13. DIE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN
DEM KÖRPER ALS DEM
FELDE UND DER SEELE ALS DEM KENNER DES FELDES
DAS FELD UND DER KENNER DES
FELDES
Arjuna sagte: prakrti und puruşa, das Feld und den Kenner
des Feldes, das Wissen und den Gegenstand des Wissens, diese möchte ich gerne
kennenlernen, o Keśava (Kŗşna).
In einigen Ausgaben fehlt diese Strophe. Ś. Kommentiert sie nicht. Wird
sie miteingerechnet, so beläuft sich die Gesamtzahl der Bhagavadgîtâ-Strophen
auf 701 und nicht auf 700, welches die durch die Überlieferung angenommene Zahl
darstellt. Wir rechnen sie daher bei der Strophenzählung nicht mit.
Der Erhabene sagte: Dieser Körper, o Sohn der Kunti (Arjuna), wird das
Feld genannt, und ihn, der dieses kennt, nennen die Wissenden den Kenner des
Feldes. (13.01)
Erkenne mich, o Bhârata (Arjuna), als den Kenner des Feldes in
allen Feldern. Das Wissen vom Felde und seinem Kenner erachte ich als wahres
Wissen. (13.02)
Höre nun in Kürze von mir, was das Feld ist, von welcher Art es ist,
welches seine Umwandlungen sind, woher es stammt, was er (der Kenner des Feldes)
ist, und welche Kräfte er besitzt. (13.03)
DIE BESTANDTEILE DES FELDES
Dies ist von den Weisen auf vielfache Art und einzeln in verschiedenen
Hymnen besungen worden und ebenso in den wohlbegründeten und überzeugenden
Formulierungen der Lehrsprüche über das Absolute (brahmasûtra). (13.04)
Die großen (fünf groben) Elemente, der Selbst-Sinn, die Vernunft und
ebenso das Nicht-Offenbare, die zehn Sinne und das Denkorgan und die fünf
Sinnesobjekte; Begierde und Haß, Freude und Leid, das Aggregat (der Organismus),
die Intelligenz und die Standhaftigkeit: damit ist in Kürze das Feld mit seinen
Umwandlungen beschrieben. (Siehe 7.04) (13.05-06)
WISSEN
Demut (Nicht-Stolz), Unbescholtenheit (Nicht-Täuschung), Gewaltlosigkeit,
Geduld, Aufrichtigkeit, dienende Verehrung des Lehrers, Reinheit (von Körper und
Geist), Beständigkeit und Selbstbeherrschung, Gleichgültigkeit gegenüber allen
Sinnesobjekten, Selbstaufgabe und Einsicht in das Übel von Geburt, Tod, Alter,
Krankheit und Leiden, (13.07-08)
Nicht-Anhänglichkeit, Nichthaften an Sohn, Weib und Heim und dergleichen,
un andauernder Gleichmut gegenüber allen erwünschten und unerwünschten
Vorfällen, unerschütterliche Hingabe an mich in vollkommener Selbstzucht,
Aufsuchen einsamer Orte, Abneigung gegen Ansammlungen von Menschen.
Beharrlichkeit in der Erkenntnis des Geistes, Einsicht in das Endziel des
Wissens von der Wahrheit: dies wird als (wahres) Wissen bezeichnet, und alles,
was davon verschieden ist, gilt als Nicht-Wissen. (13.09-11)
Ich will dir beschreiben, was das zu Wissende ist, welches wissend man das
ewige Leben erwirbt. Es ist das höchste Brahman, welches anfanglos ist und weder
als seiend noch als nichtseiend bezeighnet wird. (Siehe 9.19, 11.37, und 15.18)
(13.12)
DER KENNER DES FELDES
Alles umhüllend wohnt es in der Welt, mit Händen un Füßen überall, mit
Augen, Köpfen und Gesichtern allerorts, mit Ohren allerorts. (10.13)
Es scheint die Eigenschaften aller Sinne zu haben und ist doch ohne
(irgendeinen) Sinn; es hängt an nichts und trâgt doch alles, ist frei von den
gunas (Erscheinungsformen der prakrti), und genießt sie dennoch.
(13.14)
Es ist außerhalb und innerhalb aller Wesen. Es ist unbeweglich und doch
beweglich. Es ist zu fein, um erkannt zu werden. Es ist ferne und dennoch nahe.
(13.15)
Es ist ungeteilt (unteilbar) und scheint doch unter die Wesen aufgeteilt
zu sein. Man erkenne es als das, was die Geschöpfe erhält, vernichtet und neu
erschafft. (Siehe 11.13, und 18.20) (13.16)
Es ist das Licht der Lichter. Es wird jenseits der Finsternis weilend
genannt. Das Wissen, das Objekt des Wissens und das Ziel des Wissens: Es ruht in
den Herzen aller. (Siehe 18.61) (13.17)
DIE FRUCHT DER ERKENNTNIS
So ist nun das Feld, das Wissen und das Objekt des Wissens in Kürze
beschrieben worden. Wer mir hingegeben ist und dies versteht, wird meines
Zustandes würdig werden. (13.18)
NATUR UND GEIST
Wisse, daß prakrti (Natur) und puruşa (Seele) beide
anfanglos sind; und wisse auch, daß die Gestaltungen und die Erscheinungsweisen
aus der prakrti (Natur) geboren werden. Die Natur gilt als Ursache von
Wirkung, Werkzeug und Täter (sein); die Seele gilt als Ursache hinsichtlich des
Erlebens von Freude und Scherz. (13.19-20)
Die Seele genießt in der prakrti die
Erscheinungsweisen der Natur. Ihr Hangen an den Erscheinungsweisen ist die
Ursache für ihre Geburten in gutem oder schlechtem Mutterschoße. (13.21)
Der höchste Geist in diesem Körper wird der Zuschauer, der Zulasser, der
Erhalter, der Genießer, der große Herr und das höchste Selbst genannt. (13.22)
Wer so die Seele (puruşa) und die Natur (prakrti) zusammen
mit den Erscheinungsweisen kennt, wird nicht wiedergeboren, obschon er in jedem
Falle handelt. (13.23)
VERSCHIEDENE WEGE ZUR ERLÖSUNG
Manche shauen das Selbst durch das Selbst in dem Selbst mittels der
Meditation; andere mittels des Wissenspfades und andere wieder mittels des
Werkpfades. (13.24)
Noch andere, die dessen (dieser Yoga-Pfade) unkundig sind, hören von
anderen und üben Verehrung; und auch sie überqueren den Tod mittels ihrer
Hingabe an das, was sie gehört haben. (13.25)
Welches Wesen, beweglich oder unbeweglich, auch immer geboren wird, wisse,
o bester der Bharatas (Arjuna), daß es aus der Vereinigung des Feldes mit dem
Kenner des Feldes (entsprungen) ist. (Siehe 7.06) (13.26)
Wer in allen Wesen in gleicher Weise den höchsten Herrn wohnen
sieht, der unvergänglich ist, während sie vergehen, dieser sieht in Wahrheit.
(13.27)
Denn, da er den Herrn überrall in gleicher Weise gegenwärtig sieht,
verletzt er sein wahres Selbst nicht durch das Selbst und gelangt so zum
höchsten Ziele. (13.28)
Wer einsieht, daß alle Handlungen nur von der Natur (prakrti)
vollzogen werden, und ebenso, daß das Selbst nicht der Täter ist, dieser sieht
in Wahrheit. (Siehe 3.27, 5.09, und 14.19) (13.29)
Wenn er einsieht, daß das (vielfältige) Einzelsein der Wesen inmitten des
einen gelagert ist und sich von ihm her ausbreitet, erlangt er das Brahman.
(13.30)
Da dieses unvergängliche höchste Selbst ohne Anfang, ohne Eigenschaften
ist, handelt es nicht, o Sohn der Kunti (Arjuna), noch wird es befleckt,
obgleich es im Körper verweilt. (13.31)
Wie der alldurchdringende Äther auf Grund seiner Feinheit nicht befleckt
wird, so erleidet auch das Selbst, das in jedem Körper vorhanden ist, keine
Befleckung. (13.32)
Wie die eine Sonne diese ganze Welt erleuchtet, so erleuchtet der Herr des
Feldes dieses ganze Feld, o Bhârata (Arjuna). (13.33)
Wer so mit dem Auge der Weisheit den Unterschied zwischen dem
Felde und dem Kenner des Feldes und die Erlösung der Wesen aus der Natur (prakrti)
wahrnimmt, dieser gelangt zum Höchsten. (13.34)
Dies ist das dreizehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Unterscheidung
zwischen dem Felde und dem Kenner des Feldes.
14. DER MYSTISCHE VATER ALLER
WESEN
DAS HÖCHSTE WISSEN
Der Erhabene sagte: Ich will dir ferner jene höchste Weisheit, die beste
aller Wissenschaften, erklären, durch deren Kenntnis alle Weisen aus dieser Welt
in die höchste Vollendung hinübergegangen sind. (14.01)
Indem sie zu diesem Wissen ihre Zuflucht genommen haben und mit mir
wesengleich geworden sind, werden sie zur Schöpfungszeit nicht wieder geboren,
noch werden sie zur Zeit der Weltauflösung in Bestürzung geraten. (14.02)
Das große Brahman (prakrti) ist mein Mutterschoß: in
dieses lege ich den Samen, und aus ihm geht die Geburt aller Lebewesen hervor, o
Bhârata (Arjuna). (Siehe 09.10) (14.03)
Was für Gestalten auch immer in irgendwelchen Mutterschößen entstehen
mögen, das große Brahman ist ihr Mutterschoß, o Sohn der Kuntî (Arjuna), und ich
bin der den Samen spendende Vater. (14.04)
GÜTE, LEIDENSCHAFT UND TRÄGHEIT
Die drei aus der Natur (prakrti) entstandenen
Erscheinungsweisen (guna), Güte (sattva), Leidenschaft (rajas)
und Tätigkeit (tamas) halten, o Starkarmiger (Arjuna), den
unvergänglichen Körperbewohner im Körper festgebunden. (14.05)
Unter diesen ruft die Güte (sattva), da sie rein ist, Erleuchtung
und Leidlosigkeit hervor. Sie bindet durch Hangen am Glück und durch Hangen am
Wissen, o Schuldloser. (14.06)
Die Leidenschaft (rajas), wisse, besitzt des Wesen der Anziehung und
entspringt aus Begehren und Anhänglichkeit. Durch Hangen an dem Werke bindet
sie, o Sohn der Kuntî (Arjuna), den Verkörperten fest. (14.07)
Aber die Trägheit (tamas), wisse, ist aus der Unwissenheit geboren
und verblendet alle verkörperten Wesen. Sie bindet, o Bhârata (Arjuna), indem
(sie die Eigenschaften) der Nachlässigkeit, der Faulheit und des Schlafes (zur
Entfaltung bringt). (14.08)
Güte verhaftet (den Menschen) an das Glück, Leidenschaft an das Handeln,
aber die das Wissen verhüllende Trägheit, o Bhârata (Arjuna), verhaftet den
Menschen an die Nachlässigkeit. (14.09)
Güte herrscht vor, wenn diese, o Bhârata (Arjuna), die Leidenschaft und
die Trägheit überwältigt, Leidenschaft herrscht vor, (wenn diese) die Güte und
die Trägheit (überwältigt), und ebenso herrscht Trägheit vor, (wenn diese) die
Güte und die Leidenschaft (überwältigt). (14.10)
Wenn in alle Tore des Körpers das Licht des Wissens einströmt, dann möge
man wissen, daß die Güte zugenommen hat. (14.11)
Gier, Betriebsamkeit, Unternehmung von Werken, Unruhe und Begehren: diese
erheben sich, wenn, o bester der Bharatas (Arjuna), das rajas zunimmt.
(14.12)
Nicht-Erleuchtung, Untätigkeit, Nachlässigkeit und reine Verblendung:
diese entstehen, wenn, o Freude der Kurus (Arjuna), die Trägheit zunimmt.
(14.13)
Wenn die verkörperte Seele zur Auflösung gelangt, während die Güte
vorherrscht, geht sie in die reinen Welten derjenigen ein, die das Höchste
wissen. (14.14)
Wenn sie zur Auflösung gelangt, während die Leidenschaft vorherrscht, wird
sie unter Werkfreudigen wiedergeboren; wenn sie sich auflöst, während die
Trägheit vorherrscht, wird sie in den Mutterschößen der Verblendeten
wiedergeboren. (14.15)
Die Frucht guter Handlung gilt als güte-artig und rein; die Frucht der
Leidenschaft ist Leiden, die Frucht der Trägheit ist Unwissen. (14.16)
Aus Güte entsteht Wissen, und aus Leidenschaft entsteht Begierde;
Nachlässigkeit und Irrtum, ebenso auch Unwissenheit, entstehen aus der Trägheit.
(14.17)
Die in der Güte gegründet sind, steigen empor; die Leidenschaftsvollen
verbleiben in den mittleren (Bereichen); die Trägen, die in das Geschehen der
niedrigsten Erscheinungsweise getaucht sind, sinken nach unten. (14.18)
Wenn der Betrachter keinen anderen Täter als die Erscheinungsweisen
wahnimmt und auch jenes kennt, was hinter den Erscheinungsweisen liegt, gelangt
er zu meinem Sein. (Siehe 03.27, 05.09, und 13.29) (14.19)
Erhebt sich die Seele über diese drei aus dem Körper
entspringenden Erscheinungsweisen, so wird sie von Geburt, Tod, Alter und Leiden
befreit und erlangt ewiges Leben. (14.20)
DAS WESEN DES JENSEITS DER DREI
ERSCHEINUNGSWEISEN STEHENDEN MENSCHEN
Arjuna sagte: Durch welche Merkmale, o Herr, ist einer gekennzeichnet,
welcher sich über die drei Erscheinungsweisen erhoben hat? Welcher Art ist sein
Leben? Wie gelangt er über die drei Erscheinungsweisen hinaus? (14.21)
Der Erhabene sagte: Wer, o Pândava (Arjuna), Erleuchtung, Tätigkeit und
Verblendung nicht verabscheut, wenn sie eintreten, noch nach ihnen begehrt, wenn
sie aufhören, wer wie ein Gleichgültiger dasitzt, von den Erscheinungsweisen
ungestört, wer abseits steht, ohne zu schwanken, wissend, daß es nur die
Erscheinungsweisen sind, welche handeln, (14.22-23)
Wer Schmerz und Freude für gleich erachtet, in seinem eigenen Selbst
wohnt, wer einen Erdklumpen, einen Stein, ein Stück Gold, als gleichwertig
ansieht, wer bei Angenehmem und Unangenehmem derselbe bleibt, starken Sinnes
ist, Tadel und Lob für einerlei hält, wer in Ehre und Unehre derselbe bleibt,
derselbe gegen Freude und Feinde, wer alle Unternehmungen aufgegeben hat, der
gilt als einer, der sich über die Erscheinungsweisen erhoben hat. (14.24-25)
Wer mir mit unerschütterlicher, liebender Hingabe dient, erhebt
sich über die drei Erscheinungsweisen; er ist tauglich, zum Brahman zu werden.
(Siehe 07.14 und 15.19) (14.26)
Denn ich bin die Wohnstätte Brahmans, des Unsterblichen und des
Unvergänglichen, des ewigen Gesetzes und der vollkommenen Wonne. (14.27)
Dies ist das vierzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Unterscheidung der
drei Erscheinungsweisen.
15. DER BAUM DES LEBENS
DER KOSMISCHE BAUM
Der Erhabene sagte: Man spricht von dem unvergänglichen Aśvattha
(Pipal-Baum), der seine Wurzeln oben und seine Zweige unten hat. Seine Blätter
sind die Veden, und wer dies weiß, ist ein Kenner der Veden. (15.01)
Seine von den Erscheinungsweisen genährten Äste erstrecken sich nach unten
un nach oben und haben die Sinnesobjekte als Zweige; und untem, in der
Menschenwelt, breiten sich die Wurzeln aus, die zu Handlungen führen. (15.02)
Seine wirkliche Gestalt kann hier nicht dieser From wahrgenommen werden,
auch nicht sein Ende, noch sein Anfang, noch seine Grundlage. Nachdem man diesen
stark verwurzelten Aśvattha (Pipal Baum) mit dem mächtigen Schwerte der
Nicht-Anhänglichkeit gefält hat, soll man darnach jenen Pfad aufsuchen, von
welchem nimmer zurückkehrt, wer ihn erreicht hat, denkend: „Ich nehme meine
zuflucht zum Ur-puruşa, von dem dieser alte Weltenstrom (die kosmische
Entwicklung) ausgegangen ist.“ (15.03-04)
Wer frei von Stolz und Verblendung ist, das Übel des Anhangens
überwunden hat, wer, die Begierden beruhigend, sich stets dem höchsten Geiste
hingibt, wer von den Gegensätzen, die wir mit Freude und Schmerz benennen,
befreit und unverblendet ist, der geht in den ewigen Zustand ein. (15.05)
DAS OFFENBARE LEBEN IST NUR EIN
TEIL
Diese erleuchten weder die Sonne noch der Mond noch das Feuer. Das ist
meine höchste Wohnstätte, von welcher nimmer zurückkehrt, wer sie erreicht hat.
(15.06)
DER HERR ALS DAS LEBEN DER WELT
Ein Teil (oder Bruchstück) meines eigenen Selbst, welcher in der
Welt des Lebens zur lebendigen, ewigen Seele geworden ist, zieht die in der
Natur ruhenden Sinne, deren sechster das Denkorgan ist, an sich. (15.07)
Wenn der Herr seinen Körper annimmt und ihn wieder verläßt,
nimmt er diese (die Sinne und das Denkorgan) und geht dahin, wie der Wind die
Düfte fortträgt von ihren Orten. (Siehe 02.13) (15.08)
Er genießt die Sinnesobjekte, indem er sich des Ohrs, des Auges, des
Tastsinnes, des Geschmacks, des Geruchs und des Denkorgans bedient. (15.09)
Wenn er ausgeht oder verweilt oder, von den Erscheinungsformen berührt,
genießt: die Verblendeten sehen ihn (die innewohnende Seele) nicht, wohl aber
sehen (ihn) jene, welche das Auge der Weisheit besitzen (oder deren Auge die
Weisheit ist). (15.10)
Auch die sich abmühenden Weisen schauen ihn als im Selbst gegründet, aber
die Unverständigen, deren Seelen ungebändigt sind, finden ihn nicht, obgleich
sie sich bemühen.(15.11)
Jenen Glanz der Sonne, der diese ganze Welt erleuchtet, den, der im Monde
ist, den, der im Feuer ist, jenen Glanz erkenne als den meinen. (Siehe 13.17 und
15.06) (15.12)
Und ich erhalte alle Wesen durch meine lebenspendende Kraft, indem ich in
die Erde eingehe; und ich nähre alle Kräuter (oder Pflanzen), indem ich zum
saftreichen Soma (Mond) werde. (15.13)
Indem ich in den Körpern der lebendigen Geschöpfe zum Lebensfeuer werde
und mich mit den Aushauchen und Einhauchen vermische, verdaue ich die vier Arten
der Nahrung. (15.14)
Und ich wohne in den Herzen aller; von mir stammen Erinnerung
und Wissen sowie deren Verlust. Ich bin es, fürwahr, der durch alle Veden zu
erkennen ist. Ich (bin), fürwahr, der Urheber des Vedânta und auch der Kenner
der Veden. (Siehe 06.39) (15.15)
DIE ALLERHÖCHSTE PERSON
Es gibt zwei Personen auf der Welt; die vergängliche und die
unvergängliche; die vergängliche sind alle diese Wesen, und die unveränderliche
ist die unvergängliche. (15.16)
Ein anderer als diese aber ist der höchste Geist, der als das höchste
Selbst bezeichnet wird und als unvergänglicher Herr in die drei Welten eingeht
und sie erhält. (15.17)
Da ich das Vergängliche übersteige und höber selbst als das
Unvergängliche bin, werde ich in der Welt und im Veda als die höchste Person (puruşottama)
gefeiert. (15.18)
Wer mich in dieser Weise unverblendet als die höchste Person erkennt, der
weiß alles und verehrt mich mit seinem ganzen Wesen (seinem ganzen Geiste), o
Bhârata (Arjuna). (Siehe 07.14, 14.26, und 18.66) (15.19)
So habe ich dir, o Schuldloser, nun die höchst geheime Lehre dargelegt.
Ein Mensch, der dieselbe kennt, wird weise und gelangt zur Erfüllung aller
seiner Pflichten, o Bhârata (Arjuna). (15.20)
Dies ist das fünfzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der höchsten Person.
16. DIE NATUR DES GOTTGLEICHEN
IND DES DÄMONISCHEN GEISTES
DIE GOTTGLEICHEN
Der Erhabene sagte: Furchtlosigkeit, Reinheit des Geistes, kluge
Verteilung von Wissen und Versenkung, Mildtätigkeit, Selbstbeherrshung und
Opfer, Studium der Schriften, Askese und Aufrichtigkeit, Gewaltlosigkeit,
Wahrheit, Nicht-Zürnen, Entsagung, Ruhe, Nicht-Verleumdung, Mitleid mit den
Geschöpfen, Begierdelosigkeit, Milde, Bescheidenheit und Beständigkeit
(Nicht-Wankelmütigkeit), Kraft, Vergebung, Stärke, Reinheit, Nicht-Böswilligkeit
und Nicht-Hochmut: dies (sind die Anlagen) dessen, der mit göttlicher Natur
geboren wurde. (16.1-3)
DIE DÄMONISCHEN
Prahlsucht, Anmaßung, Überheblichkeit, Zorn, Rauheit und Unwissen: dies
(sind die Anlagen) dessen, der mit dämonischer Natur geboren wurde. (16.04)
DIE FOLGEN DIESER BEIDEN NATUREN
Die göttlichen Anlagen führen, so heißt es, zur Erlösung, die dämonischen
zur Bindung. Sei nicht betrübt, o Pândava (Arjuna), du bist mit göttlichen
Anlagen (für ein göttliches Geschick) geboren. (16.05)
DIE NATUR DER DÄMONISCHEN
Es gibt zwei Arten von Geschöpfen in der Welt; die göttlichen und die
dämonischen. Die Göttlichen sind ausführlich beschrieben worden. Vernimm von
mir, o Pârtha (Arjuna), über die Dämonischen. (16.06)
Die Dämonischen wissen nichts vom Weg des Handelns und nichts vom Weg der
Entsagung. Es fnden sich in ihnen weder Reinheit noch gutes Betragen noch
Wahrheit. (16.07)
Sie behaupten, daß die Welt unwirklich sei, ohne Grundlage, ohne Herrn, in
keiner geordneten kausalen Abfolge entstanden, kurz: duch Begierde verursacht.
(16.08)
An dieser ihrer Ansicht festhaltend, erheben sich diese verlorenen Seelen,
deren Einsicht schwach und deren Taten grausam sind, als die zur Zerstörung
gereichenden Feinde der Welt. (16.09)
Unersättlichen Begierden verfallend, von Heuchelei, Hochmut und Anmaßung
erfült, aus Verblendung falsche Ansichten fassend, handeln sie nach unreinen
Entschlüssen. (16.10)
Von unzähligen Sorgen bedrängt, die nur mit (ihrem)Tode ein Ende fänden,
die Befriedigung der Begierden als ihr höchstes Ziel erachtend, überzeugt, daß
dieses alles sei, (16.11)
von hundert Banden der Begierden gebunden, der Wollust und dem Zorne
hingegeben, trachten sie darnach, durch unrechte Mittel Massen von Reichtümern
anzuhäufen, um ihre Begierden zu befriedigen. (16.12)
„Dies habe ich heute gewonnen; diesen Wunsch werde ich erlangen; dieses
Gut ist mein und dieses wird (künftighin) auch mein sein. (16.13)
Ich habe diesen Feind getötet und werde auch noch andere töten. Ich bin
Herr, ich bin der Genießer, ich habe Erfolg, bin mächtig und glückich. (11.14)
Ich bin reich und wohlgeboren. Wer ist es, der mir gleicht? Ich werde
opfern, ich werde schenken, ich werde froh sein“, so sprechen sie, von
Unwissenheit verblendet. (16.15)
Von vielen Gedanken verwirrt, in die Maschen der Verblendung verstrickt
und der Befriedigung ihrer Sinne verschworen, fallen sie in eine schmutzige
Hölle. (16.16)
Eingebildet, eigensinnig, von Stolz und dem Dünkel des Reichtums erfüllt,
vollziehen sie Opfer, die dies nur ihrem Namen nach sind, prahlerisch und ohne
auf Regeln zu achten. (16.17)
Der Selbstsucht, der Gewalt, dem Stolze, der Wollust und dem Zorne
hingegeben, verachten mich diese böswilligen Menschen, der ich in ihnen selbst
und in anderen wohne. (16.18)
In (diesem Kreislauf der) Geburten und (der) Tode stoße ich diese
Übeltäter, diese grausamen Hasser, die niedrigsten unter den Menschen,
ununterbrochen in die Mutterschöbe der Dämonen. (16.19)
In die Mutterschöße der Dämonen gefallen, von Geburt zu Geburt verblendet,
erreichen mich, o Sohn der Kunti (Arjuna) diese Wesen nicht, sondern sinken in
den niedersten Zustand hinab.(16.20)
DIE DREIFACHE PFORTE ZUR HÖLLE
Diese Pforte zur Hölle, welche die Seele zerstört, ist dreifach: Wollust,
Zorn und Gier. Daher soll man diese drei aufgeben. (16.21)
Der Mensch, welcher von diesen, den drei Pforten zur Dunkelheit, erlöst
ist, tut, was zum Heile seiner Seele gereicht, und gelangt hierauf, o Sohn der
Kunti (Arjuna), in den höchsten Zustand. (16.22)
DIE ALTEN SCHRIFTEN ALS
RICHTSCHNUR UNSERER PFLICHTEN
Wer sich jedoch der in den Schriften enthaltenen Gezetze entledigt und
handelt, wie es seine Begierden eingeben, dieser erlangt weder Vollendung noch
Glück noch das höchste Ziel. (16.23)
Darum möge in der Bestimmung dessen, was getan und was nicht getan werden
soll, die Schrift dein Maßstab sein. Wissend, was durch die Gesetze der Schrift
vorgezeichnet ist, sollst du dein Werk auf dieser Erde vollbringen. (16.24)
Dies ist das sechzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Unterscheidung
zwischen den göttlichen und den dämonischen Anlagen.
17. DIE DREI ERSCHEINUNGSWEISEN,
AUF RELIGIÖSE PHÄNOMENE ANGEWENDET
DIE DREI ARTEN DES GLAUBENS
Arjuna sagte: Welche Stellung, o Kŗşna, nehmen jene ein, welche die
Anordnungen der Schriften vernachlässigen, aber, von Glauben erfüllt, Opfer
darbringen? Ist es eine solche der Güte, der Leidenschaft oder der Trägheit?
(17.01)
Der Erhabene sagte: Der Glaube der Verkörperten ist von dreierlei Art, da
er aus ihrer Natur entspringt: gut, leidenschaftlich und träge. Höre nun
darüber. (17.02)
Der Glaube eines jeden Menschen stimmt, o Bhârata (Arjuna), mit seiner
Natur überein. Der Mensch wird von der Natur seines Glaubens geprägt: Wie
sein Glaube ist, so ist, fürwahr, auch er. (17.03)
Die guten Menschen verehren die Götter, die leidenschaftlichen verehren
die Halbgötter und die Dämonen, und die anderen, die Trägen, verehren die
Geister und die Gespenster. (17.04)
Jene Menschen, welche eitel und selbstsüchtig sind, von der Macht der Lust
und der Leidenschaft angetrieben werden, eine furchtbare, von den Schriften
nicht angeordnete Askere verrichten, diese Törichten bedrängen die Gruppe
der Elemente in ihrem Körper und mich auch, der im Körper wohne. Wisse, daß ihre
Entschlüsse dämonisch sind. (17.05-06)
DREI ARTEN DER NAHRUNG
Auch die Nahrung, die jedem lieb ist, ist von dreierlei Art. Ebenso die
Opfer, die Askese und die Schenkungen. Vernimm ihre Unterscheidung. (17.07)
Die Nahrungsmittel, welche das Leben, die Lebenskraft, die Stärke, die
Gesundheit, die Freude und die Fröhlichkeit fördern, welche süß, milde, nahrhaft
und angenehm sind, werden von den „Guten“ geliebt. (17.08)
Die Nahrungsmittel, welche bitter, sauer, salzig, sehr heiß, stechend,
raub und brennend sind und Schmerz, Kümmernis und Unbehagen hervorrufen, werden
von den „Leidenschaftlichen“ geliebt. (17.09)
Was verdorben, geschmacklos, faul, abgestanden, übriggeblieben und unrein
ist, stellt die von den „Trägen“ geliebte Nahrung dar. (17.10)
DREI ARTEN DES OPFERS
Jenes Opfer ist „gut“, welches dem Gesetze der Schrift entsprechend von
solhen dargebracht wird, die keinen Lohn erwarten und fest daran glauben, daß es
ihre Pflicht ist, ein Opfer zu vollziehen. (17.11)
Was jedoch in Erwartung eines Lohnes oder um sich zur Schau zu stellen,
geopfert wird, wisse, o bester der Bhâratas (Arjuna), daß ein solches Opfer
„leidenschaftlich“ ist. (17.12)
Das Opfer, welches nicht mit dem Gesetz übereinstimmt, in welchem keine
Nahrung gespendet wird, keine Hymnen gesungen und keine Opfergelder gezahlt
werden, welches glaubensleer ist, nennt man „töricht“.
DREI ARTEN DER ASKESE
Verehrung der Götter, der Zweimal-Geborenen, der Lehrer und der Weisen,
Reinheit, Aufrichtigkeit, Enthaltsamkeit und Gewaltlosigkeit: dies gilt als
Askese des Körpers. (17.14)
Ein nicht verletzendes, wahrhaftes, angenehmes und
nutzbringendes Äußern (von Worten) und regelmäßiges Rezitieren des Veda: dies
gilt als Askese der Rede. (17.15)
Heiterkeit des geistes, Sanftheit, Stille, Selbstbeherrschung, Reinheit
des Gemüts: dies wird Askese des Geistes genannt. (17.16)
Diese dreifache Askese nennt man „gut“, wenn sie von Menschen
ausgeglichenen Geistes, die keinen Lohn erwarten, in höchstem Glauben ausgeführt
wird. (17.17)
Jene Askese, die geübt wird, um Achtung, Ehre und Verehrung zu gewinnen
oder sich zur Schau stellen zu können, wird „leidenschaftlich“ genannt; sie ist
unbeständig und ohne Dauer. (17.18)
Jene Askese, die sich in törichter Hartnäckigkeit selbstquälerischer
Mittel bedient oder andere zu benachteiligen sucht, wird „töricht“ genannt.
(17.19)
DIE DREI ARTEN VON GABEN
Eine Gabe, die man jemandem überreicht, ohne ihre Rückgabe zu erwarten,
fühlend, daß man sie zu geben verpflichtet sei, und die an einem rechten Orte
und zu rechter Zeit und einer würdigen Person gegeben wird, eine solche Gabe
wird als „gut“ erachtet. (17.20)
Eine Gabe aber, die in Hoffnung auf eine Gegengabe oder in
Erwartung eines zukünftigen Gewinnes oder mit Kummer gegeben wird, hält man für
„leidenschaftlich“. (17.21)
Und eine Gabe, die an einem unrechten Orte oder zu unrechter Zeit oder
einer unwürdigen Person ohne die richtige Form und mit Verachtung gegeben wird,
eine solche wird als „töricht“ bezeichnet. (17.22)
DER MYSTISCHE SPRUNCH: OM TAT
SAT
„Om Tat Sat“ – dies wird als das dreifache Symbol des Brahman angesehen.
Durch dieses wurden einst die Brahmanen, die Veden und die Opfer eingesetzt
(17.23)
Die Erklärer des Brahman unternehmen daber die in den Schriften
vorgeschriebenen Handlungen des Opfers, des Schenkens und der Askese immer mit
dem Aussprechen des Wortes „om“. (17.24)
Und die nach Erlösung suchen, vollziehen die Handlungen des Opfers und der
Askese un die verschiedenen Handlungen des Schenkens mit dem Aussprechen des
Wortes „tat“, ohne nach dem Lohn zu begehren. (17.25)
Das Wort „sat“ wird in der Bedeutung Wirklichkeit und Güte verwendet; und
so wir, o Pârtha (Arjuna), das Wort „sat“ auch für eine lobwürdige Handlung
gebraucht. (17.26)
Die Beharrlichkeit im Opfer, in der Askese und im Geben wird gleichfalls
„sat“ genannt, und so wird auch jede zu solchen Zwecken ausgeführte Handlung
„sat“ genannt. (17.27)
Welches Opfer oder welche Gabe auch immer dargebracht wird,
welche Askese auch immer betrieben, welche Zeremonie auch immer vollzogen wird,
man nennt sie, o Pärtha (Arjuna), „asat“, wenn es ohne Glauben geschieht; sie
haben weder später noch hier auf Erden irgendeine Bedeutung. (17.28)
Dies ist das siebzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der dreifachen
Einteilung des Glaubens.
18. ENTSAGUNG SOLL NICHT AN DEN
WERKEN, SONDERN AN DEN FRÜCHTEN DER WERKE GEÜBT WERDEN
Arjuna sagte: Ich wünsche, o Starkarmiger (Kŗşna), das wahre Wesen des
Verzichts und, o Hŗşikeśa (Kŗşna), der Entsagung im einzelnen zu erkennen, o
Keśinişûdana (Kŗşna). (18.01)
Der Erhabene sagte: Unter Verzicht versteht der Weise das
Aufgeben aller von der Begierde eingegebenen Werke. Entsagung, so erklären die
Gelehrten, ist das Aufgeben der Früchte aller Werke. (Siehe 5.01, 5.05, und
6.01) (18.02)
Einige gelehrte Männer sagen: „Das Handeln ist als etwas Übles
aufzugeben“; andere erklären, daß „die Handlungen des Opfers, des Gebens und der
Askese nicht aufzugeben“ sind. (18.03)
Vernimm nun von mir, o bester der Bharatas (Arjuna), die Wahrheit über
Entsagung: Die Entsagung, o bester der Männer (Arjuna), ist als von dreifacher
Art verkündet worden. (18.04)
Handlungen des Opfers, des Gebens und der Askese sind nicht aufzugeben,
sondern durchzuführen. Denn Opfer, Gaben und Askese sind die Läuterer des
Weisen. (18.05)
Aber auch diese Werke sind auszuführen, indem Anhänglichkeit und Begierde
nach den Früchten aufgegeben werden. Dies, o Pârtha (Arjuna), ist meine
entschiedene und endgültige Meinung. (18.06)
Der Verzicht auf irgendeine Pflicht, die erfüllt werden soll, ist wahrlich
nich richtig. Das aus Unwissenheit erfolgende Aufgeben derselben wird als seiner
Natur nach „töricht“ bezeichnet. (18.07)
Wer eine Pflicht aufgibt, weil sie schmerzvoll ist, oder aus Furcht vor
körperlichem Leiden, der vollzieht allein das „leidenschaftliche“ Entsagen und
gewinnt den Lohn der Entsagung nicht. (18.08)
Wer aber, aller Anhänglichkeit und aller Furcht entsagend, eine
vorgeschriebene Pflicht ausführt, weil sie getan werden soll, dessen Entsagung
wird für eine „gute“ Entsagung gehalten. (18.09)
Der weise Mann, der entsagt, dessen Zweifel zerstreut sind, der die Natur
der „Güte“ besitzt, kennt keine Abneigung vor unangenehmer Handlung und kein
Anhangen an angenehmer Handlung. (18.10)
Es ist jedem verkörperten Wesen in der Tat unmöglich, ganz und
gar auf das Handeln zu verzichten. Wer aber die Frucht des Handelns aufgibt, der
wird ein Entsagender genannt. (18.11)
Angenehm, unangenehm und gemischt: dreifach ist die Frucht des Handelns,
die denjenigen nach dem Tode erwächst, die nicht entsagt haben. Für jene, die
verzichtet haben, gibt es keine. (18.12)
HANDELN IST SACHE DER NATUR
Erfahre von mir, o Starkarmiger (Arjuna), diese fünf Faktoren, die in der
Sâmkhya-Lehre verkündet wurden und das Zustandekommen aller Handlungen bewirken:
der Sitz der Handlung und ebenso der Handelnde, die verschiedenartigen
Instrumente, die mannigfachen Anstrengungen und die Vorsehung als das fünfte.
(18.13-14)
Was für eine Wandlung auch immer ein Mensch mit seinem Körper, seiner Rede
und seinem Geiste unternimmt, sei sie recht oder unrecht: diese fünf sind ihre
Faktoren. (18.15)
Welcher Mensch verkehrten Sinne sich unter solchen Umständen als einzigen
Täter betrachtet, der sieht, da sein Verstand ungebildet ist, nicht (richtig).
(18.16)
Wer frei ,von Selbst-Sinn ist, wessen Verstand nicht befleckt wird, der,
mag er auch diese Leute töten, tötet (doch) nicht und wird (durch seine Taten)
nicht gebunden. (18.17)
ERKENNEN UND HANDELN
Das Erkennen, das Objekt des Erkennens und das erkennende Subjekt bilden
den dreifachen Antrieb zum Handeln; das Instrument, die Handlung und der
Handelnde bilden die dreifache Zusammensetzing der Handlung. (18.18)
In der Wissenschaft von den Erscheinungsformen gelten Erkennen, Handlung
und Handelnder als von dreierlei Art entsprechend dem Unterschiede in den
Erscheinungsformen. Auch von diesen sollst du gebührlich hören. (18.19)
DIE DREI ARTEN DES ERKENNENS
Die Erkenntnis, durch welche man die eine unvergängliche Wesenheit in
allen Wesen erblickt, ungeteilt in den geteilten, diese Erkenntnis, wisse, ist
von der Art der „Güte“. (Siehe 11.13, und 13.16) (18.20)
Die Erkenntnis, welche in den verschiedenen Geschöpfen auf Grund ihres
Einzelseins eine Vielheit von Wesen erblickt, diese Erkenntnis, wisse, ist von
der Art der „leidenschaft“. (18.21)
Was sich aber an eine einzige Wirkung, als wäre sie das Ganze, klammert,
ohne Rücksicht auf die Ursache, ohne das Wirkliche zu erfassen, und in
engstirniger Weise, dies wird als von „törichter“ Natur bezeichnet. (18.22)
DIE DREI ARTEN DER WERKE
Eine Handlung, die verpflichtend ist, die von einem micht nach der Frucht
Verlangenden ohne Anhänglichkeit, ohne Liebe oder Haß verrichtet wird, gilt
ihrer Natur nach als „gut“. (18.23)
Eine Handlung aber, die in großer Anstrengung von jemandem getan wird, der
seine Begierden zu befriedigen trachtet oder vom Ich-Sin angetrieben wird, nennt
man ihrer Natur nach „leidenschaftlich“. (18.24)
Eine Handlung, die aus Unwissenheit unternommen wird, ohne auf die Folgen,
auf Verlust, Schaden und eigene menschliche Fähigkeit Rücksicht zu nehmen, gilt
als von „törichter“ Art. (18.25)
DIE DREI ARTEN DES HANDENDEN
Den Handelnden, der frei von Anhänglichkeit ist keine ichsüchtigen Reden
führt, voll von Entschußkraft und Eifer ist und von Erfolg oder Fehlschlag nicht
bewegt wird, nennt man seiner Natur nach „gut“. (18.26)
Den Handelnden, der von Leidenschaft beherrscht wird, der gierig nach der
Frucht seiner Werke strebt, der von verletzendem Wesen und unrein ist, der von
Freude und Leid bewegt wird, nennt man seiner Natur nach „leidenschaftlich“.
(18.27)
Den Handelnden, der ohne Gleichgewicht, gemein, eigensinnig, betrügerisch,
böswillig, faul, verzagt und säumig ist, nennt man seiner Natur nach „trâge“.
(18.28)
DIE DREI ARTEN DER VERNUNFT
Höre nun, o Schätzegewinner (Arjuna), die entsprechend den
Erscheinungswesen dreifache Unterscheidung der Vernunft und der Festigkeit, die
ich vollständig und im einzelnen darlegen will. (18.29)
Die Vernunft, welche weiß, was Handeln und Nicht-Handeln, was zu tun und
was nicht zu tun ist, was zu fürchten und was nicht zu fürchten ist, was bindet
und was (die Seele) befreit, (diese Vernunft), o Pârtha (Arjuna), ist ihrer
Natur nach „gut“. (18.30)
Jene (Vernunft), durch welche man das Rechte und das Unrechte, was zu tun
und was nicht zu tun ist, in falscher Weise erkennt, diese Vernunft, o Pârtha
(Arjuna), ist ihrer Natur nach „leidenschaftlich“. (18.31)
Jene (Vernunft), welche, in Dunkelheit gehüllt, das Unrechte für das
Rechte hält und alle Dinge verkehrt (der Wahrheit entgegengesetzt) sieht, diese
Vernunft, o Pârhta (Arjuna), ist ihrer Natur nach „töricht“. (18.32)
DIE DREI ARTEN DER FESTIGKEIT
Die unerschütterliche Festigkeit, mittels welcher man durch Konzentration
die Tätigkeiten des Geistes, die Atemhauche und die Sinne bändigt, diese, o
Pârtha (Arjuna), ist ihrer Natur nach „gut“.(18.33)
Die Festigkeit, mit welcher man an der Pflicht, an Freude und Reichtümern
festhält, nach der daraus folgenden Frucht verlangend, diese, o Pârtha (Arjuna),
ist ihrer Natur nach „leidenschaftlich“. (18.34)
Die Festigkeit, mit welcher ein Tor nicht von Schlaf, Furcht, Kummer,
Niedergeschlagenheit und Hochmut abläßt, diese, o Pârtha (Arjuna), ist ihrer
Natur nach „töricht“. (18.35)
DIE DREI ARTEN DES GLÜCKES
Und höre nun von mir, o bester der Bharatas (Arjuna), die drei Arten des
Glückes. Jenes, an dem man sich nach langer Übung zu erfreuen vermage und in
welchem man das Ende seines Kummers erreicht, (18.36)
Jenes Glück, das zuerst wie Gift und schießlich wie Nektar ist, welches
aus einem klaren Verständnis des Selbst entspringt, gilt als seiner Natur nach
„gut“. (18.37)
Jenes Glück, das aus der Berührung der Sinne mit den Objekten
entspringt, und welches zuerst wie Nektar und schießlich wie Gift ist, solches
Glück wird „leidenschatlich“ genannt. (Siehe 05.22) (18.38).
Jenes Glück, welches sowohl anfangs als auch am Ende die Seele betört und
aus Schlaf, Faulheit und Nachlässigkeit entspringt, dieses (Glück) wird seiner
Natur nach „töricht“ geheißen. (18.39)
DIE EIGENE WESENSNATUR
(svabhâva) UND STELLUNG (dharma)
BESTIMMEN DIE VERSCHIEDENEN
PFLICHTEN
Es gibt kein Geschöpf, weder auf Erden noch unter den Göttern im Himmel,
welches frei von den drei aus der Natur entsprungenen Erscheinungweisen ist.
(18.40)
In Übereinstimmung mit den aus ihrer Natur erwachsenen Eigenschaften
unterscheiden sich, o Feindbezwinger (Arjuna), die Tätigkeiten der Brahmanen,
der Kşatriyas, der Vaiśyas und auch der Sûdras voneinander. (Siehe 04.13)
(18.41)
Heiterkeit, Selbstbeherrschung, Askese, Reinheit, Nachsicht und
Aufrichtigkeit, Weisheit, Wissen und religiöser Glaube: dies sind die aus seiner
Natur entsprungenen Pflichten des Brahmanen. (18.42)
Heldentum, Kraft, Standhaftigkeit, Findigkeit, Durchhalten auch im Kampfe,
Großherzigkeit und Führerschaft: dies sind die aus seiner Natur entsprungenen
Pflichten eines Kşatriya. (18.43)
Ackerbau, Viehzucht und Handel sind die aus seiner Natur entsprungenen
Pflichten eines Vaiśya; dienende Arbeit ist die aus seiner Natur entsprungene
Pflicht eines Sûdra. (18.44)
Der Mensch erlangt Vollendung, wenn sich jeder seiner eigenen Pflicht
befleißigt. Auf welche Weise man, sich seiner Pflicht befleißigend, Vollendung
erlangt, dies höre nun. (18.45)
Indem er ihm, aus dem alle Wesen entstehen und von dem dies
alles durchdrungen wird, durch die Ausführung seiner eigenen Pflicht Verehrung
erweist, erlangt der Mensch die Vollendung. (Siehe 09.27, und 12.10) (18.46)
Es ist besser, sein eigenes Gesetz unvollkommen, als das Gesetz eines
anderen vollkommen auszuführen. Wenn man die durch die eigene Natur gesetzte
Pflicht verrichtet, zieht man sich keine Sünde zu. (Siehe 03.35) (18.47)
Man soll das seiner Natur angemessene Werk nicht aufgeben, mag es auch, o
Sohn der Kunti (Arjuna), fehlerhaft sein. Wie das Feuer vom Rauch, sind alle
Unternehmungen von Mängeln umhüllt. (18.48)
KARMAYOGA UND LETZTE VOLLENDUNG
Er, dessen Verstand nirgendwo haftet, er sein Selbst bezähmt hat, und dem
die Begierde gewichten ist, gelangt durch Entsagung in den höchsten alles Werk
überschreitenden Zustand. (18.49)
VOLLENDUNG UND BRAHMAN
Vernimm nun von mir in Kürze, o Sohn der Kunti (Arjuna), wie dieser,
nachdem er Vollkommenjeit erlangt hat, zu Brahman, der höchsten
Weisheitsvollendung, gelangt. (18.50)
Mit reinem Verstande ausgestattet, sich mit Stärke zügelnd, sich abkehrend
vom Ton und den übrigen Sinnesobjekten, und Zuneigung und Abneigung abwerfend,
in Einsamkeit verweilend, nur wenig essend, Rede, Körper und Geist im Zaume
haltend, stets in Meditation und Versenkung befindlich, seine Zuflucht zur
Leidenschaftslosigkeit nehmend und Selbst-Sinn, gewalt, Hochmut, Begierde, Zorn
und Besitz abwerfend, wird er, der ichlos und ruhigen Geistes ist, würdig, mit
dem Brahman eins zu werden. (18.51-53)
DIE HÖCHSTE HINGABE
Ist er mit dem Brahman eins und ruhigen Geistes geworden, so trauert er
nicht mehr und begehrt nicht. Alle Wesen als gleich betrachtend, erlangt er die
höchste Hingabe an mich. (18.54)
Durch Hingabe erkennt er mich, meine Größe und wer ich in
Wahrheit bin. Nachdem er mich in Wahrheit erkannt hat, geht er alsbald in mich
ein. (18.55)
ANWENDUNG DER LEHRE AUF ARJUNA
Indem er, zu mir seine Zuflucht nehmend, immerdar alle Werke verrichtet,
erreicht er durch meine Gnade die ewige, unvergängliche Wohnstätte. (18.56)
Im Geiste alle Handlungen an mich übergebend, mich als den
Höchsten betrachtend und festhaltend in der Stârke des Verstandes, sollst du
dein Denken stets auf mich richten. (18.57)
Mein gedenkend, wirst du durch meine Gnade alle Schwierigkeiten
überwinden. Du wirst hingegen zugrundegehen, wenn du aus Selbstdünkel nicht (auf
mich) hören willst. (18.58)
Wenn du, deinem Eigendünkel folgend, denkst: „Ich will nicht kämpfen“, so
ist dieser Entschluß vergeblich. Die Natur wird dich zwingen. (18.59)
Was du aus Verblendung nicht zu tun begehrst, dies, o Sohn der Kunti
(Arjuna), mußt du, von deinen aus deiner Natur entsprungenen Taten gefesselt,
vollbringen, auch wenn es gegen deinen Willen geht. (18.60)
Der Herr wohnt in den Herzen aller Wesen, o Arjuna, und treibt
sie durch seine Kraft herum, als wären sie auf eine Maschine gesetzt. (18.61)
Nimm mit deinem ganzen Sein zu ihm deine Zuflucht, o Bhârata (Arjuna).
Durch seine Gnade wirst du den höchsten frieden und die ewige Wohnung erlangen.
(18.62)
So habe ich dir das Wissen dargelegt, das geheimer als alle Geheimnisse
ist. Denke darüber gründlich nach und tue, wie du willst. (18.63)
LETZTE AUFFORDERUNG
Höre weiter mein höchstes Wort, das geheimste von allen. Ich habe dich
sehr lieb und werde dir daher sagen, was für dich gut ist. (18.64)
Richte deinen Geist auf mich; sei mir ergeben; opfere mir; verehre mich;
so wirst du zu mir gelangen. Ich verspreche es dir wahrhaftig, denn du bist mir
lieb. (18.65)
Gib alle Pflichten auf und nimm allein zu mir deine Zuflucht.
Sei nicht betrübt, den ich werde dich von allen Übeln erlösen. (18.66)
DER LOHN FÜR DIE BEFOLGUNG DER
LEHRE
Du darfst dies niemals einem sagen, dessen Lebenswandel ohne Askese
oder welcher ohne Frömmigkeit oder ohne Gehorsam ist oder übel von mir spricht.
(18.67)
Wer jene, die mir anhangen, dieses höchste Geheimnis lehrt, der
wird, nachdem er mir so die höchste Verehrung erwiesen hat, ohne Zweifel zu mir
gelangen. (18.68)
Niemand ist unter den Menschen, der mir etwas Lieberes tut als
er, noch wird mir ein anderer teurer sein in dieser Welt. (18.69)
Und wer diese unsere heilige Zwiesprache studiert, der opfert mir, so
denke ich, durch das Opfer des Wissens. (18.70)
Und auch jener Mensch, der sie gläubig und ohne Spott anhört, auch er wird
erlöst in die glückseligen Welten der Rechtschaffenen eingehen. (18.71)
O Pârtha (Arjuna), hast du dies-mit auf einen Punkt gerichtetem Denken
vernommen? O Schätzegewinner (Arjuna), ist deine durch Unwissenheit veranlaßte
(geistige) Verblendung zerstreut worden? (18.72)
SCHLUSS
Arjuna sagte: Meine Verblendung ist aufgehoben, und ich habe durch deine
Gnade, o Acyuta (Kŗşna), Erkenntnis gewonnen. Ich stehe fest, von Zweifeln frei.
Ich werde nach deinem Worte handeln. (18.73)
Samjaya sagte: So habe ich diese wunderbare, meine Haare zum Sträuben
bringende Zwiesprache zwischen Vâsudeva (Kŗşna) und dem hochherzigen Pârtha
(Arjuna) gehört. (18.74)
Durch die Gnade Vyâsas vernahm ich dieses höchste Geheimnis, den Yoga, den
Kŗşna, der Herr des Yoga, selbst gelehrt hat. (18.75)
Indem ich mir, o König, immer wieder diese wunderbare und heilige
Zwiesprache zwischen Keśava (Kŗşna) und Arjuna ins Gedächttnis rufe, werde ich
wieder und wieder von freude durchzucht. (18.76)
Und so oft ich mir jene wunderbarste Gestalt des Hari (Kŗşna) ins
Gedächtnis rufe, ist mein Erstaunen groß, und ich werde, o König, wieder und
wieder von Freude durchzuckt. (18.77)
Wo Kŗşna, ist, der Herr des Yoga, und Pârtha (Arjuna), der
Bogenschütze, dort, so meine ich, ist gewiß das Glück, der Sieg, die Wohlfahrt
und die rechte Sitte. (18.78)
Dies ist das achtzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Erlösung durch
Entsagung.
Hier endet die Bhagavadgitâ-Upanişad.
Titel der englischen Originalausgabe : The
Bhagavadgîtâ. Originalverlag: George Allen & Unwin Ltd., London. Deutsche
übersetzt von Siegfried Lienhard.
Aum pârthâya pratibodhitâm bhagavatâ
nârâyanena svayam
vyâsena grathitâm purânamuninâ madhye Mahâbhâratâm
advaitâmrtavarsinîm bhagavatîm astâdasadhyâyinim
amba tvâm anusandadhâmi bhagavadgîte bhavadvesinîm.
Samastavedârthasârasamgrahabhûtam…
samastapurusârthasiddhim. SBG., Einleitung.
"Text courtesy of American Gita Society
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